Wo bleibt die Menschlichkeit?

Menschen leiden, Menschen leben,

Sie schweigen, sie reden.

Jeder geht den Weg allein,

Keine Zeit um Mensch zu sein

 

Macht und Geld sind essentiell.

Wer denkt an das Leid der Welt?

Menschen leiden an Hunger und Durst,

Doch jeder klagt über seinen Stress und Frust

 

Der Mensch von heute ist gegen Mitgefühl immun,

Er ist immer beschäftigt und hat doch nie was zu tun.

Das eigene Spiegelbild formt das Leben,

Doch wer steht dahinter, wer daneben?

 

Menschen im Krieg leiden zu sehen –

Für viele etwas, das sie nicht verstehen.

„Die Politik soll´s richten“, sagen sie,

Doch wer kümmert sich um den refugee?

 

Liebe und Herzlichkeit gehen verloren

In einer Welt, wo Anonymität ist angeboren.

Mensch zu sein bedeutet mehr als leben,

Alle Menschen miteinander zu verweben

 

Wir sind alle gleich geschaffen,

Doch schießt man auf sich mit geladenen Waffen.

Wo bleibt das Herz, das uns verbindet?

Wie lange geht das? Bis die Menschlichkeit verschwindet?

 

Alles, was wir tun und sagen,

Es geht vorbei an den wichtigen Fragen.

Wie helfen wir den Menschen, lassen sie leben?

Wie retten wir die Welt? Darüber sollte man reden.

 

P.Heinkele

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Revenge

 

Prolog

Der Engel steht auf dem kleinen Hügel und blickt gedankenverloren über den Friedhof.

Bald kämen einige neue Grabsteine dazu.

Lächelnd schreitet der Engel den Berg hinunter auf die marmornen Steine und hölzernen Kreuze zu.

Alle würden trauern, alle wären da. Wie unendlich groß Schmerz und Leiden der Hinterbliebenen, wie übermächtig ihre Verzweiflung werde.

All dies war ihm schon geschehen, all dies hofft er hinter sich lassen zu können.

Mit den bleichen Fingerspitzen streicht der Engel an den Steinen entlang, als er durch die Gräberreihen schlendert. Fährt über die langsam verblassenden, mit Moos überwucherten Buchstaben.

Genauso würde die Erinnerung langsam verblassen, die Erinnerung an Verstorbene. Geliebte Kinder, Enkel, Geschwister, Freunde.

Mehr und mehr rückten Trauer und Vermissen in den Hintergrund, überdeckt von glücklichen Ereignissen.

<<Ich werde dich niemals vergessen>>, jeder schwört dies einem sterbenden Freund oder Verwandten. Doch das Vergessen ist unausweichlich. Von Tag zu Tag reguliert sich die Lautstärke der Schreie aus Trauer und Angst im Kopf, werden leiser und leiser, bis sie eines Tages ganz verstummen.

Erst dann ist der Mensch tot.

Erst dann, wenn die letzte Erinnerung vergessen, die letzte Trauer bekämpft ist, ist derjenige für immer von der Welt verschwunden.

Der Engel ballt eine Hand zur Faust. Die Nägel seiner langen Finger schneiden sich ins Fleisch, doch er lächelt weiter. Selbst als kleine Blutstropfen aus seiner Haut quellen, bleibt das Engelslächeln auf seinem Gesicht zurück.

Er wird es tun, es dauert nicht mehr lange.

Vor einem schlichten, grauen Grabstein kniet der Engel nieder, legt die Hände auf den rauen Stein, links und rechts des eingeprägten Schriftzugs.

<<Du wirst deine Rache bekommen, ich schwöre es>>, flüstert er eindringlich. Das Grab ist kahl und leer. Keine Blumen, bunte Ketten oder Kerzen, nicht einmal Gras oder Unkraut. Nur gähnende Leere, so wie es auch im Inneren des Engels aussieht.

Ruckartig richtet er sich auf, hebt die Arme zum Himmel, wirft dem Kopf in den Nacken.

Seine Stimme hallt über dem verlassenen Friedhof.

<<IHR WERDET BEZAHLEN! >>

 

Kapitel 1

 

„Es ist nur eine Party!“ Das dachte ich damals und schrie es auch meiner genervten Mutter ins Gesicht.

„Jeder geht hin, wirklich jeder! Warum darf ich nicht?“

 

Ein ganz normaler Teenager, das war ich. Siebzehn Jahre alt, also ein Jahr vor dem Abschluss. Ein Jahr davon entfernt auszubrechen, frei zu sein, tun zu können, was immer ich wollte. Und trotzdem behandelten meine Eltern mich wie eine Zehnjährige.

„Mom, Dad, bitte!“ Das war mein letzter Versuch. Doch an dem verschlossenen Gesicht meines Vaters und der entschuldigenden Miene meiner Mutter erkannte ich: diesen Kampf hatte ich verloren. Wütend riss ich meine Jacke vom Haken und stürmte aus dem Wohnzimmer. In der Diele hörte ich meinen Vater sagen: „Lass sie, Amanda. Sie wird einsehen, dass es das beste für sie ist“, dann schlug die Haustür zu und erstickte alle Geräusche hinter mir.

Die Tür bildete eine wirkungsvolle Barriere zwischen meinen Eltern und mir, was mich sofort etwas beruhigte.

Hastig machte ich mich auf den Weg zu meiner besten Freundin Cara.

 

Die Party des Jahres.

Heute Abend trafen sich die Jugendlichen von Shadowside in den Katakomben, dem unterirdischen Gängesystem unserer Stadt, um die größte Party ihres Lebens zu feiern. Jeder wusste, als wie gefährlich die Katakomben galten, sie waren teilweise einsturzgefährdet und man konnte sich leicht verirren, doch heute Abend hielt das keinen davon ab zu kommen. Diese Feier stellte eine Art Rangordnung dar. Wer sich traute und kam zählte zu den angesagten Kids, alle anderen galten als Außenseiter, zu denen ich auf keinen Fall gehören wollte. Natürlich hatten meine Eltern mich immer schon davor gewarnt die Katakomben zu betreten, so wie es allen Kindern verboten wurde. Doch bis jetzt hatte ich mich immer an ihre Verbote gehalten. Heute würde ich sie brechen.

Offiziell stieg die Party im “Pure“, einer angesagten Disko. Doch die Besitzer waren auf die Idee gekommen, für etwas mehr Action zu sorgen und hatten kurzerhand eine illegale Party gestartet, da das Betreten der Katakomben strengstens verboten war.

Ich war vor dem Mehrfamilienhaus angekommen, in dem sich Caras schickes, kleines Appartement befand, und klingelte. Meine beste Freundin wiederholte eine Klasse, weswegen sie schon achtzehn war. Alt genug um eine eigene Wohnung zu besitzen.

Der elektrische Türöffner summte, womit er mir die endlos langen Treppen ankündigte, die ich, seid der Aufzug vor einem halben Jahr plötzlich den Geist aufgegeben hatte, bezwingen musste.

Acht Stockwerke später ereichte ich endlich schnaufend und prustend Caras Wohnung.

Als hätte sie mich hinter der Tür erahnt, wurde diese schwungvoll aufgerissen und meine beste Freundin fiel mir lachend um den Hals.

Ohne meine schlechte Laune zu bemerken, kreischte sie mir ins Ohr: „Da bist du ja endlich. Ich hab das perfekte Kleid für heute Abend gefunden, damit ist mir ein fetter Auftritt sicher. Es war gar nicht teuer, jetzt ist sogar noch Geld für neue Schuhe übrig.“  Und ohne Luft zu holen überschütte sie mich mit einer Lawine an Erzählungen über diese Marke und jenen Laden und teure Preise, was sie einfach unmöglich fand. Ehrlich mal, dieses Mädchen wäre eine klasse Taucherin.

Schließlich fiel ihr mein beharrliches Schweigen doch noch auf und sie hielt inne. Mich auf Armlänge von sich wegstreckend, fragte sie besorgt: „Was ist los, Mäuschen? Du hast eine Gesichtsfarbe wie vergammelte Milch.“

Genervt verdrehte ich die Augen. Ja, meine Haut ist ziemlich blass, jedes Solarium wäre Verschwendung. Cara dagegen hatte einen traumhaften capuccinofarbenen Teint, um den sie einfach jeder beneidete.

„Meine Eltern lassen mich nicht auf die Party“, murmelte ich mürrisch. „Spießer“, erwiderte sie. „Das dürfen die dir nicht verbieten.“ Sie hielt inne. „Du hast ihnen doch nichts von den Katakomben erzählt, oder?“ „Wo denkst du hin? Natürlich nicht. Nur, dass ich zu einer Party ins “Pure“ will und du mitkommst.“

Sofort brach Carly in lautes Gelächter aus. „Schätzchen, du bist auch zu dumm. Deine Eltern können mich nicht ausstehen.“ (Stimmt, sie dachten, Carly hätte einen schlechten Einfluss auf mich.) Dann bemerkte sie, dass wir immer noch in der offenen Tür standen und jeder ihrer unfreundlichen Nachbarn zuhören konnte. „Komm endlich rein, sonst beschweren sich die Spießer noch wegen Lärmbelästigung oder Ruhestörung.“ Meine liebreizende Freundin rümpfte angewidert die Nase und zog mich mit sich in die Wohnung.

Ich konnte nicht anders, ich musste einfach lächeln.

Nach einem Streit mit meinen Eltern, was in letzter Zeit immer öfter vorkam, schaffte nur Carly es mich aufzuheitern. Mit ihrer verrückten und trotzdem unkomplizierten Art war sie die perfekte Freundin.

So ähnlich wir uns im Wesen waren, umso unterschiedlicher waren wir vom Aussehen. Carly trug ihre glatten Haare zu einem kinnlangen Bob geschnitten, während meine schwarzen Haare mir unordentlich und schrecklich gelockt über den Rücken fielen. „Wie eine Löwenmähne“, meinte meine Mutter immer liebevoll.

Während Carly groß und kurvig war, war ich klein und dürr. Natürlich leugnete Carly immer, wie schön sie war und meinte stattdessen: „Du hast die perfekte Größe. Die meisten Jungs sind kleiner als ich. Stell dir vor, du hast High-Heels an und musst dich runterbeugen, um ihn zu küssen.“ Dann schüttelte sie immer lachend den Kopf. Von solchen Problemen konnte ich nur träumen. Hohe Schuhe trug ich so gut wie nie, da waren mir meine gemütlichen Turnschuhe oder Sneakers deutlich lieber. Wer klein ist wird außerdem schnell mal übersehen und so war ich für viele nur das langweilige, kleine, blasse Mädchen von nebenan.

Vielleicht war es besser, nicht auf die Party zu gehen. Alle Jungs würden ohnehin nur Carly anhimmeln und mich kaum beachten.

Leider konnte meine beste Freundin Gedanken lesen- kam mir zumindest oft so vor- und erkannte, wie ich mich fühlte.

„Oh bitte, keine negativen Gedanken, das ist schlecht fürs Karma, Schätzchen“, zwitscherte sie und ließ sich mit ausgebreiteten Armen aufs Sofa fallen. Sogleich sprang sie wieder auf, um mich an den Händen zu packen. „Du…gehst…da…mit!“, erklärte sie mir so, wie man einem Zweijährigen sagt, er solle die Finger aus der Steckdose lassen. „Nur weil deine Alten Langweiler sind, verpasst du nicht das Event des Jahres.“ Ich zögerte. Würde ich jetzt gehen, erwartete mich morgen mächtig Ärger. Andererseits: ich war fast 18 und konnte mir nicht ewig alles verbieten lassen. Also seufzte ich abgrundtief. „Also gut.“ Carly explodierte wie ein Feuerwerkskörper.

Lachend und kreischend wirbelte sie mich durchs Wohnzimmer, stieß gegen einen Blumentopf und wäre um ein Haar noch in ihren Fernseher gekracht. Kein Wunder, dass die Nachbarn sich wegen Lärmbelästigung beklagten.

Ruckartig blieb Cara stehen, sodass ich noch ein paar Schritte weitertaumelte, und musterte mich wie ein ekelhaftes Insekt.

„Ne“, meinte sie dann voller Überzeugung. „So kannst du nicht gehen.“ „Was? Warum nicht“, fragte ich verunsichert. „In Jeans und T-Shirt?“ Carly schrie jetzt fast. „Ne, vergiss es. Wir gehen shoppen.“

 

Kapitel 2

 

Drei lange Stunden später ließ ich mich vollkommen entkräftet aufs Sofa fallen. Carly hatte mich in jeden einzelnen Laden geschleppt, mich tausend Kleider anprobieren lassen und schließlich kaufte sie sich sogar noch Schuhe.

Doch selbst jetzt gönnte mir meine Horrorfreundin keine Pause, sondern rief in ihrer üblichen aufgedrehten Art: „Los. Nur noch eine Stunde bis zur Party. Wir müssen uns endlich fertig machen.“

Und so verbrachte ich die nächste halbe Stunde in einer Haarspray-Wolke, während Carly um mich herumwuselte und hier und da herumpinselte.

Als sie fertig war, stand ich vor dem Spiegel im Flur und konnte es kaum glauben. Meine schreckliche Mähne hatte Carly irgendwie gezähmt und hochgesteckt, nur wenige Strähnen fielen locker heraus. Die Haut war immer noch zu blass, aber dank Carly glatt und schimmerte leicht. Durch die Maskara wirkten meine Augen größer und grüner, als ich es für möglich gehalten hätte.

Aber das Beste war mein Kleid in weinroten Tönen.

Carly kam aus dem Bad und ich fiel ihr um den Hals. „Danke!“ Sie lachte leise. „Vorsichtig, sonst ruinierst du dir noch dein Make- Up.“ Natürlich sah sie in ihrem schwarzen Minikleid und, inzwischen durch einen Lockenstab, leicht gelockten Haaren toll aus, wie immer. „Komm, wir müssen los“, sagte Carly fröhlich und schlenderte auf ihren zwanzig Zentimeter Absätzen ganz locker auf die Tür zu. Ich würde auf diesen Absätzen wie betrunken durch die Gegend torkeln.

 

Als wir am alten Friedhof hinter Shadowside ankamen, war es kurz vor zehn. Hier musste sich einer der wenigen bekannten Eingänge zu den Katakomben und der Einlass zur Party befinden, doch die Grabstätte lag verlassen und düster vor uns.

Ich schauderte unwillkürlich. „Carly, bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“

„Angsthase“, zog sie mich auf, doch auch ihre Stimme zitterte kaum merklich. „Hier muss es sein. Komm wir suchen den Eingang, es ist eiskalt.“ Als ich ihr nicht gleich folgte packte sie mich einfach kurzerhand am Arm und zog mich mit sich. Zwischen den alten, verwitterten Gräbern führte ein schmaler, von Moos überwachsener Weg quer über den Friedhof. „Komm, da lang“, meinte Carly überzeugt und steuerte auf einen großen, alles andere überragenden Marmorstein zu. Hinter dem Stein befand sich ein dunkles Loch, eine Art Eingang, doch es war weder beleuchtet, noch sah es besonders einladend aus.

„Okay, da müssen wir runter“, murmelte Cara, sah aber trotzdem genauso unentschlossen wie ich aus. Das  Loch war groß, ohne Zweifel passte ein erwachsener Mann leicht durch. Trotzdem wirkte es eng, geradezu erdrückend. Soweit ich es erkennen konnte, führten grob in Stein geschlagene Stufen steil, fast senkrecht in die Tiefe. Die braun- schwarzen, erdverkrusteten Wände wirkten instabil und wacklig genau wie die Decke.

Tief durchatmend machte ich einen winzigen Schritt nach vorne. Behutsam setzte ich den Fuß auf die erste Stufe, aber sie hielt. Natürlich hält sie, schimpfte ich mich selbst. Hier sind schon genug andere Menschen hoch und runter gelaufen, also wird sie mich auch noch aushalten.

Vorsichtig tastete ich mich an den modrigen Wänden vorwärts. Beinahe sofort verschluckte mich die Dunkelheit vollständig. Hinter mir Carlys hektischer Atem stieg ich weiter die Treppe hinunter, bis ich hinter einer Biegung endlich ein mattes Licht erkennen konnte. Kurz darauf standen wir wieder auf ebenem Boden mitten in einem hohen, breiten Gang, dessen Wände und Decken schon viel stabiler wirkten. Beruhigend.

Erleuchtet durch in gleichmäßigen Abständen angebrachte LED- Lampen konnte man den Weg zu einer großer hölzernen Tür am Ende des Gangs erkennen.

„Auch nichts für Menschen mit Klaustrophobie“, meckerte Carly, die jetzt neben mich trat.

„War der Weg etwa nicht angenehm, Prinzessin? Soll ich die Träger mit der Sänfte rufen lassen?“ neckte ich sie.

Cara schnaubte nur verächtlich und zückte ihren pinken Handspiegel, um ihre perfekt sitzende Frisur und ihr Make-Up zu prüfen.

Ich lachte. „Komm, lass uns gehen.“

 

Kapitel 3

 

Sobald Carly die schwere Eichentür aufstieß, schlug uns ein gewaltiger Lärm entgegen.

Dröhnende Bässe hämmerten durch den Raum, der vor uns lag, kreischende Gitarren sägten durch das Gehör aller Partygäste. Natürlich war meine beste Freundin begeistert.

„Unglaublich“, kreischte sie mir schmerzhaft schrill ins Ohr. „Einfach unglaublich, ich kann es nicht fassen! Der absolute Wahnsinn!“

Und ich konnte ihr nur zustimmen.

In dem Stollen von der Größe einer halben Turnhalle tanzten mindestens zweihundert Jugendliche wild zu Hip-Hop und DJ- Musik, die aus vier gewaltigen Lautsprechern an den Wänden dröhnte. Überall verteilt hingen Lampen im Raum, die alles in gleißendes Licht tauchten und zitternde, verschiedenfarbige Schatten warfen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Stollens befand sich das Mischpult mit DJ, der im Takt des Schlagzeugs einen Arm hoch- und runtersausen ließ. Rechts von der Tanzfläche hatten die Veranstalter eine provisorische Bar aufgebaut, was ihnen überraschend gut gelungen war. Hinter dem schwarzen Mahagonitisch stapelten sich verschiedene Flaschen und Gläser, gestresste Barkeeper hetzten umher. Rund um den Tresen verteilt befanden sich gemütliche Polstersofas und Sessel mit kleinen Tischen und Barhockern. Dort saßen noch einmal eine Menge Jugendliche, ungefähr fünfzig, manche schon mächtig angetrunken. Wie die komplette Einrichtung hereintransportiert worden war, blieb mir ein Rätsel. Die Wände waren über und über mit Grafitti bedeckt und mit blutroter Farbe kreuz und quer über die Tunnelwände gesprüht las ich immer wieder dieselben Wörter:

„Best Party!“

Der Raum war wirklich der beste Partykeller aller Zeiten.

Trotzdem, eine Sache beunruhigte mich noch.

„Cara, oben auf dem Friedhof hab ich keine Musik gehört. Wir müssen also ziemlich tief unter der Erde sein…“ Wie erwartet kam von meiner Freundin keine Aufmunterung. „Spießer“, formte sie mit den Lippen, lachte und brüllte gegen den Lärm an: „Mach dir keine Gedanken. Lass uns einfach Spaß haben.“ Und schon hakte sie sich bei mir unter und zog mich in Richtung der Bar, um dem Barkeeper einen kostenlosen Drink abzuschwätzen.

 

Um kurz vor zwölf nach zwei Stunden Party schwirrte mir der Kopf vom vielen Alkohol und der lauten Musik.

Überall um mich herum wogende Körper, Carly neben mir tanzte wie eine Verrückte. Sie war beschäftigt.

Also konnte ich mir ohne Gewissensbisse den Weg zur Bar durch die Masse bahnen, um mich kurz auszuruhen.

Erschöpft ließ ich mich auf einen Hocker fallen und bestellte mir einen Drink. Keine gute Idee da ich mich ohnehin schon leicht beschwipst fühlte, aber wer trinkt schon Wasser auf einer Party?

Erst als ich mit dem Glas in der Hand entspannte, fiel mir der Typ neben mir auf, der in seinen Drink starrte. Wow, dachte ich.

Dunkle Haare fielen ihm in die Stirn und als er aufblickte, sah ich seine dunkelbraunen, fast schwarzen Augen.

Verdammt, jetzt lächelte er mich an. Ganz ruhig bleiben, Skye, mahnte ich mich in Gedanken. Nur nicht durchdrehen. Unsicher grinste ich zurück, war mir aber sicher, er würde sich gleich wieder abwenden und zur Tanzfläche gehen, wo bestimmt seine Freundin auf ihn wartete. Stattdessen drehte er sich leicht zu mir und sprach mich tatsächlich an.

„Alles klar?“

Innerlich stand ich kurz vor dem Herzinfarkt, gab mich äußerlich aber weiterhin betont locker und nickte. „Alles gut.“

„Bist du schon lange hier?“, erkundigte er sich.

Perfekt, ihm fiel es offensichtlich genauso schwer wie mir Gespräche anzufangen, was ihn für mich nur noch sympathischer machte.

„Seid fast zwei Stunden. Ich heiße Skye.“

Fast erwartete ich, er würde mich für den Namen auslachen, wie schon so viele vor ihm, aber er legte nur leicht den Kopf schief.

„Skye, schöner Name. Ich bin Jared.“

Damit war der Damm gebrochen und wir fingen an uns gut zu unterhalten.

Jared erzählte mir von seinem Zwillingsbruder, mit dem er hier war, ich berichtete ihm von Carly, meiner verrückten Freundin.

Wir plauderten noch nicht lange, höchstens zehn Minuten, als unsere beiden Handys beinahe gleichzeitig einen Piepton von sich gaben.

Erst dachte ich, meine Eltern hätten herausgefunden, wo ich war, doch dann zeigte der WhatsApp- Account eine unbekannte Nummer an.

„Skye, bitte komm schnell in den rechten Seitengang hinter dem DJ- Pult, ich brauche deine Hilfe! Carly P.S. Mein Handy ist kaputt“, las ich verwirrt. Auch Jared las seine Nachricht und blickte dann irritiert auf. „Mein Bruder schreibt, er ist in einem Seitengang und hat ein Problem. Ich soll schnell zu ihm kommen.“ Ungläubig starrte ich auf mein Handy und schaute dann Jared überrascht an. „Genau das selbe hat mir Cara auch geschrieben.“ Lachend erwiderte Jared: „Mein Bruder und deine Freundin? Was da wohl passiert ist? Lass uns lieber mal nachschauen.“ Was für ein komischer Zufall, dachte ich noch, bevor ich Jared über die Tanzfläche folgte.

Den Seitengang fanden wir schnell. Er lag im Dunkeln und wirkte wirklich gruselig, doch da Jared ohne zu zögern hineinging, folgte ich ihm schnell.

Nach einigen Metern machte der Weg plötzlich eine scharfe Biegung nach rechts und selbst die letzten Lichtfetzen waren erloschen. „Komisch“, flüsterte ich. „Diesen Gang hab ich vorher gar nicht gesehen.“ An Jareds Silhouette merkte ich, dass er sich umdrehte. „Nein“, antwortete er nach einem Moment, „Ich auch nicht.“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten wir misstrauisch werden müssen oder zumindest stärker beunruhigt. Doch wir gingen beide einfach weiter, tiefer in den Gang hinein.

Plötzlich hörte ich leise Stimmen und konnte trotz der Dunkelheit mehrere Personen vor uns ausmachen- vier Gestalten, die mitten im Gang standen. Cara, schoss es mir durch den Kopf und lief schneller. Gleichzeitig spürte ich, wie Jared neben mir ebenfalls seine Schritte beschleunigte. Doch als wir näher kamen, erkannte ich, dass keine von den Personen Carly war.

„Hey“, fragte ich eines der Mädchen. Als Jared und ich näher gekommen waren, hatte sie kurz den Kopf gedreht und uns angeblickt. „Hast du vielleicht meine Freundin gesehen? Sie heißt Cara und hat mir gerade eine Nachricht geschrieben, dass sie hier ist und ein Problem hat.“

„Nein, aber meine Schwester hat mir gerade eben genau die selbe Message geschickt“, meinte das Mädchen. Die Verwirrung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Bei mir war es genauso“, mischte sich jetzt auch ein Junge ein. Ein anderer meinte: „So geht es uns allen. Aber was soll das?“

„Eine Falle!“ Das war Jared. „Wir müssen hier raus.“

Da begann plötzlich der Steinboden unter meinen Füßen zu beben, als hätte ihn etwas erschüttert.

„Was ist das?“, sprach das blonde Mädchen panisch aus, was mir durch den Kopf schoss. „Was passiert hier?“

Auf einmal krachte der Boden ein. Etwas donnerte laut wie bei einer Explosion und die Steine unter mir gaben nach. Ohne Vorwarnung, ganz plötzlich gab der Grund nach und die Dunkelheit fraß uns vollkommen, während wir in die Tiefe stürzten. Während des gesamten Falls schrie ich voller Panik und Entsetzen, wild mit den Armen rudernd. Unbewusst realisierte ich, wie die Stimmen der anderen mit in mein Gebrüll einstimmten.

Dann die Landung. Hart schlug ich auf, so dass mir alle Luft aus den Lungen gepresst wurde und ich einen Moment krampfhaft nach Atem ringen musste. Um mich herum regnete es Schutt und kleinere Steine, die Luft war voller Staub und brachte mich, sobald ich wieder atmen konnte, zum Husten. Doch immerhin wurde ich nicht von einem Felsbrocken erschlagen und auch der Aufprall hatte mir wohl nicht ernsthaft geschadet. Oder? Sekundenlang herrschte Stille, doch jetzt versuchte ich vorsichtig meine Arme und Beine zu bewegen. Anscheinend war nichts gebrochen. Nach einem Moment hörte ich auch um mich herum leises Keuchen oder Husten und nahm leichte Bewegungen wahr.

„Geht es allen gut?“, krächzte einer der Jungs links von mir. „Glaube schon“, erwiderte ich heiser von dem Schreck, von dem ich mich noch nicht vollkommen erholt hatte. „Und euch?“ Zustimmendes Gemurmel setzte ein und ich schloss für einen Moment erleichtert die Augen. Wir leben noch, dachte ich erleichtert. Was auch immer gerade passiert ist, aber ich lebe und bin nicht allein in dieser schrecklichen  Dunkelheit. Kurz schauderte ich, bevor ich mich wieder zusammenriss.

Jemand setzte sich ächzend auf. „Wo sind wir?“, fragte ein Mädchen ängstlich. Jared lachte trocken. „Jedenfalls nicht mehr auf der Party.“ Er sprang auf die Füße. „Kommt schon, Leute. Wir müssen herausfinden, was das alles hier soll.“ Ein kleines, schwaches Licht flackerte auf, als ein Junge sein Feuerzeug entzündete. Sofort rückten wir alle näher heran, um im Feuerschein zu sein. Allein dadurch fühlte ich mich etwas sicherer. „Ich bin Nathan“, sagte der mit dem Feuerzeug leise. Im schwachen Licht erkannte ich eine wild abstehende, blonde Mähne und blasse Haut mit schwarzen Augenringen. Ein Junkie, dachte ich unwillkürlich. So fertig wie der aussieht ist er bestimmt ein Junkie. Ob er seine Haare wohl färbt? Was für eine lächerliche Frage angesichts unserer Situation. Verärgert über mich selbst schüttelte ich den Kopf.

„Shay“, flüsterte das Mädchen neben mir. Sie war ungefähr in meinem Alter, ihr blondes Haar passte zu der zerbrechlich wirkenden Gestalt und ihrer porzellanfarbenen Haut.

„Jade.“ Das kam von der großen Gestalt mit kupferfarbenem, hüftlangem Haar.

„Luke“, murmelte schließlich der braunhaarige Typ, der immer noch reichlich benommen wirkte. Irgendwie erinnerte er mich auch ohne seinen Namen an Luke Skywalker aus Star Wars und ich musste mir ein Lachen verkneifen. Ich bin hysterisch, dachte ich, ganz ruhig, bloß nicht durchdrehen und hör auf so einen Mist zu denken. Also murmelte ich meinen Namen und Jared folgte meinem Beispiel.

Ebenso plötzlich wie der Boden eingestürzt war, flackerte auf einmal ein grelles Licht auf und durchflutete den Raum. Geblendet war ich für einen Moment gezwungen eine Hand vor meine Augen zu halten, bis sie sich an das helle Licht gewöhnt hatten. Dann blickte ich mich hastig um.

Wir befanden uns in einem runden Stollen. Kleiner als der, in dem die Party stattfand, aber dennoch groß genug, dass ein erwachsener Mann aufrecht darin stehen konnte. Die Decke über uns war ohnehin eingebrochen, doch zwischen dem Loch in der Decke und der Öffnung im Boden des Tunnels, durch den wir heruntergestürzt waren, befand sich ein runder Schacht, gut einen Meter lang. Früher, bevor die Bergwerke geschlossen worden waren musste dieser Schacht als Transportweg genutzt worden sein oder als Durchgang. Nach der Schließung hatte man wohl das obere Ende zugemauert. Aber warum waren wir dann hinunter gestürzt?

Gelandet waren wir auf einem weichen, sandigen Boden, was immerhin erklärte, warum wir uns nicht alle Knochen gebrochen hatten.

Der Stollen war offensichtlich eine Sackgasse, denn nur in eine Richtung führte ein Gang weiter. Überall an den grauen, kalten Steinwänden waren provisorische Lampen angebracht worden, die jetzt den Weg beleuchteten.

„Wer auch immer das war, er wollte, dass wir genau hier landen“, brach Jared die Stille. Seine Stimme klang düster.

„Und er hat es geschafft“, flüsterte das blonde Mädchen Shay. Ihre Unterlippe begann zu zittern.

Jared beachtete sie nicht, sondern wandte sich an Nathan. „Hilf mir mal.“ Dieser steckte sein Feuerzeug in die Tasche und formte mit den Händen eine Räuberleiter, direkt unter dem klaffenden Loch in der Decke.

Jade legte der schluchzenden Shay einen Arm um die Schulter und begann leise auf sie einzureden.

Also stand ich auf, drängte meine Angst und Hysterie zurück und sah mir den Stollen näher an.

Doch schon nach kurzer Zeit wurde mir klar: es gab keinen anderen Ausweg, als entweder das Loch in der Decke oder den kalt erleuchteten Gang, der scheinbar endlos in die Tiefe führte. Nicht besonders einladend.

Nach wenigen Versuchen gaben Jared und Nathan ihr Vorhaben auf, durch das Loch zurück nach oben zu gelangen.

„Durch den Schacht kommen wir jedenfalls nicht zurück nach oben“, meinte Nate finster.

Shay schlug die Hände vors Gesicht. „Was sollen wir bloß tun?“ Ratlos blickten wir uns gegenseitig an.

Schließlich brach Jared das Schweigen. „Jemand lockt uns in die Falle.“ Ungläubig starrte ich ihn an. „Wie meinst du das?“

„Ist doch offensichtlich“, fiel Luke jetzt ein. „Erst die rätselhaften Nachrichten, dann stürzt plötzlich der Boden ein und jetzt geht zufällig auch noch das Licht an, obwohl es hier unten genau genommen noch nicht einmal Lampen geben sollte. Glaubst du ernsthaft, das alles wäre nur Zufall?“

Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber wenn ich darüber nachdachte, hatten die Jungs schon Recht. So viele seltsame Ereignisse, die unabhängig voneinander zufällig zu diesem Zeitpunkt geschahen, das klang einfach unmöglich.

Jade nickte langsam. „Es sieht wirklich so aus, als wollte jemand, dass ausgerechnet wir sechs hier landen. Aber wer sollte uns eine solche Falle stellen?“

Ich zuckte resigniert die Schulter. „Keine Ahnung, bis vor einigen Minuten habe ich keinen von euch gekannt. Was sollen wir für Gemeinsamkeiten haben?“ „Und wenn das eine Falle ist, was machen wir dann jetzt?“, mischte Shay sich mit großen, ängstlich blickenden Augen ein. „Wir müssen hier doch irgendwie weg“

„Ganz einfach.“ Jared lächelte ohne eine Spur von Humor in den Augen. „Wer auch immer dafür gesorgt  hat, dass wir hier landen, will vermutlich, dass wir diesen  Gang entlang gehen.“ Er wies in Richtung unseres einzigen Auswegs. „Tun wir ihm den Gefallen, lassen wir die Falle zuschnappen.“

Einen Wimpernschlag lang herrschte ungläubige Stille, in der wir alle versuchten seine Worte zu verarbeiten.

„Bist du irre?“, kreischte Shay dann schockiert. Schnell presste sie sich die Hand auf den Mund, als das Echo ihres Ausrufs laut und dumpf  durch die Katakomben hallte.

Automatisch hielt ich die Luft an, doch nichts passierte.

„Bist du irre?“, wiederholte Shay jetzt leiser. „Du hast sie doch nicht mehr alle. Hier spielt irgendein kranker Psychopath mit uns und wir sollen ihm auch noch entgegenkommen? Du bist wahnsinnig!“

„Warum nicht?“, konterte Jared. „Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, Prinzessin, anders kommen wir hier nicht raus. Oder hast du vielleicht eine bessere Idee?“

„Wir könnten um Hilfe rufen“, schlug Jade alles andere als überzeugt vor.

Ich schüttelte den Kopf. „Die Musik ist zu laut, keiner würde uns hören.“

Nathan zögerte kurz. Dann sagte er: „Durch die Decke kommen wir nicht und bis uns jemand hier sucht, wird es zu spät sein. Wenn wir nicht verhungern wollen, müssen wir es früher oder später über diesen Weg probieren.“

„Finde ich auch“, äußerte sich Luke.

Ich nickte zustimmend.
„Was ist mit euch?“ fragte Jared Shay und Jade ungeduldig. „Kommt ihr mit?“

„Als ob ich allein hier bleibe“, fauchte Shay. „Jade?“

Diese seufzte. „Es gefällt mir nicht, aber was du sagst, hört sich sinnvoll an. Ich bin dabei.“ Sie rappelte sich auf.

Jared nickte ruhig. „Dann lasst uns gehen.“

 

Kapitel 4

 

Damals mussten wir schon ein komisches Bild abgegeben haben.

Eine kleine Gruppe schick gekleideter Teenager, die, mit einer Staubschicht überzogen und dicht zusammengerdängt, durch einen langen, kahlen Gang schlichen, immerzu auf der Hut.

Es war gespenstisch still. Nicht einmal unsere Schritte erzeugten auf dem sandigen Untergrund ein Geräusch. Alles, was man hörte, war unser hektischer Atem und ab und zu ein unterdrückter Fluch, wenn eine Lampe flackerte und sofort alle herumfuhren, auf der Suche nach einer möglichen Bedrohung.

Einzig und allein Jared, der unsere kleine Gemeinschaft anführte, schien entschlossen zu sein. Ruhig und konzentriert suchte er die rauen Tunnelwände nach Öffnungen oder Einkerbungen ab, jedoch ohne Erfolg.

Nach gut zehn Minuten schweigsamen Fußmarsches, kamen wir an eine Biegung, hinter der sich der Weg plötzlich gabelte.

„Was jetzt?“, fragte ich unsicher. „Links oder rechts entlang?“ Ratlos blickten die anderen mich an. „Links“, meinte Nathan überzeugt im selben Moment wie Jade „Rechts“ sagte.

„Vielleicht sollten wir uns trennen“, schlug Luke vor. Entgeistert starrte ich ihn an und er murmelte: „Okay, blöde Idee.“

„Ist doch vollkommen egal“, seufzte Shay überraschender Weise. „Wenn er uns umbringen will, wird er das, egal welchen Weg wir nehmen. Die sehen für mich sowieso gleich aus.“

Sie hatte Recht. Beide Gänge lagen im Dunkeln, bei keinem erkannte man, wie es weiterging.

„Rechts“, beschloss Jared und als keiner Einwände erhob, wartete er nicht länger, sondern steuerte den rechten Gang an.

Im winzigen Lichtschein von Jareds und Nathans Feuerzeugen tasteten wir uns an den Tunnelwänden entlang vorwärts. Jared, der neben mir ging, fragte ich leise: „Was soll das mit der Dunkelheit? Was hat er vor?“

„Mit uns Katz und Maus spielen“, erwiderte Jared. „Er ist wie ein Raubtier und spielt mit seiner Beute, bevor er zuschlägt.“

Ich schauderte.

„Lass dich nicht einschüchtern, denn genau das will er. Dich dazu zwingen, aus Angst Fehler zu machen oder etwas zu übersehen, unaufmerksam zu sein. Auf diese Momente wartet er, um zuschlagen zu können.“

Das verunsicherte mich. „Woher weißt du das?“, fragte ich tonlos. War Jared etwa ein Psychopath? Eigentlich konnte ich mir das nicht vorstellen.

„Das kann ich nicht wissen. Ich versuche nur, mich in ihn hineinzuversetzen, um seinen nächsten Schritt zu erahnen.“

Ganz plötzlich stolperte ich und knallte der Länge nach auf den Boden. Kurz zuckte ein stechender Schmerz durch mein Knie, aber es konnte nicht besonders schlimm sein, da der Untergrund immer noch sandig und dadurch weich war. Jared half mir wieder auf die Beine. „Alles klar?“, erkundigte er sich besorgt. Als ich nickte, ging er in die Hocke, um zu sehen, worüber ich gestolpert war. Bis dahin waren Luke, Shay, Nathan und Jade einige Schritte hinter uns gelaufen, jetzt kamen sie eilig näher.

„Was ist passiert?“, fragte Luke. Ich winkte ab. „Bin nur gestolpert.“

„Schaut euch das an.“ Jared hob einige lange Stöcke hoch, die ich bei näherem Hinsehen als Fackeln erkannte.

Genau sechs dieser Fackeln lagen neben einer kleinen Flasche Brennspiritus und einem weißen Rechteck am Boden.

„Warum hat er kein Feuerzeug dazugelegt?“, fragte Jade leicht panisch. „Woher weiß er, dass wir eins haben?“

„Er weiß wohl, dass ich mir das Rauchen einfach nicht abgewöhnen kann“, seufzte Nathan. „Wollte ich eigentlich schon lange.“

Jared machte sich daran, die Fackeln in Brennspiritus zu tränken und reichte sie dann Nathan, der sie anzündete und verteilte.

Zu diesem Zeitpunkt kam noch keiner auf die Idee, einige der Fackeln für später aufzuheben.

Im flackernden Lichtschein meiner Fackel hob ich den Zettel auf, der neben dem Brennspiritus gelegen hatte und faltete ihn auseinander.

Auf teurem weißem Papier stand dort in roter Tinte geschrieben:

„Herzlich Willkommen auf meiner Party!“

„Krank“, flüsterte Shay, die mir über die Schulter geblickt hatte. „Und irgendwie unheimlich.“

Ich wandte mich entsetzt davon ab. „Kommt, weiter.“

Wir folgten dem immer schmaler werdenden Weg tiefer in die Katakomben hinein. Schon bald konnten wir nicht mehr nebeneinander laufen, sondern waren gezwungen hintereinander herzuschleichen.

Auch das Aussehen der Tunnel veränderte sich. Der einst weiche, sandige Boden war jetzt schlammig und rutschig, von Wänden und Decke tropften einzelne Wassertropfen, die mit einem leisen „Platsch“ aufschlugen oder uns trafen. Unsere Füße machten schmatzende Geräusche auf dem Boden und hinterließen deutliche Fußabdrücke im Schlamm, was mich zusätzlich beunruhigte.

Je tiefer wir in die Erde gingen, desto feuchter wurde der Grund, bis wir schließlich bis zu den Knöcheln in einer erdigen Wasserbrühe standen. Ich war unglaublich froh, keine hohen Schuhe, sondern nur leichte Stiefel angezogen zu haben, denn Shay blieb immer wieder stecken und Luke musste ihr helfen. Jade ging es mit ihren Stilettos nicht viel besser.

Wie viel Zeit war vergangen, seit wir den Schacht hinuntergestürzt waren?

Ich wusste es nicht. Es war zu anstrengend mit Jareds Tempo Schritt zu halten, um über irgendetwas nachdenken zu können. Einerseits fand ich das gut, so konnte ich mir wenigstens keine Sorgen um unsere Situation machen, andererseits brauchte ich dringend eine Pause, um mich zu erholen und noch einmal alles zu überdenken, was geschehen war. Vielleicht machte das die Lage dann klarer. Doch Jared trieb uns unbarmherzig voran. Der Schweiß lief uns allen übers Gesicht, während wir ihm schwer atmend, aber widerstandslos folgten. Ich glaube, wir waren damals alle zu verängstigt und verunsichert, um anzuhalten. Die Angst trieb uns voran, weiter und weiter.

 

Das Wasser wurde tiefer. Nach kurzer Zeit ging es mir schon bis zu den Waden, schließlich bis zur Hüfte. „Jared!“, rief ich zu ihm nach vorn, „Was sollen wir tun? Es wird immer tiefer.“ Er drehte sich kurz zu mir um. „Ich fürchte, wir haben keine Wahl. Umkehren können wir nicht, also müssen wir weiter. Kannst du schwimmen?“ Erst dachte ich, Jared würde sich über mich lustig machen. Doch als er nicht lachte, erkannte ich allmählich; es war ihm ernst damit. Unsicher, ob ich ausrasten oder lachen sollte, nickte ich nur. Jared grinste aufmunternd und wandte sich wieder nach vorn.

Von den Wänden liefen jetzt nicht mehr einzelne Tropfen herunter, sondern kleine Rinnsale, die immer und immer größer wurden. Sich mit dem Wasser, durch das wir waten mussten, mischend, wurde die Strömung immer stärker und mir fiel es immer schwerer, mich auf den Beinen zu halten.

Gerade als ich dachte, das Wasser würde mich demnächst umschwemmen, rief Jared: „Seht mal, dort können wir hochklettern.“

Ich lugte an ihm vorbei und erkannte tatsächlich eine Art unterirdische Brücke, die in einen anderen Gang führte. Das Wasser floss darunter durch, obwohl fließen wohl das falsche Wort war. Es tobte, überschlug sich, brach an den Wänden und klatsche dann gurgelnd in die Tiefe, wie es sich anhörte. Den Geräuschen nach zu urteilen befand sich dort unten ein tosender Fluss, der weiter in den Untergrund verschwand.

„Verdammt“, flüsterte ich leise. Auf den Felsvorsprung, die Brücke zu kommen sah schwer aus und wenn man abrutschte, riss die Strömung einen mit sich in die Tiefe, wo man mit ziemlicher Sicherheit ertrank.

Aber hatten wir eine Wahl? Nein.

Entschlossen kämpfte ich weiter gegen die Strömung an.  Mit der einen Hand stützte ich mich an der Wand ab, in der anderen trug ich die Fackel und versuchte, sie nicht fallen zu lassen.

Jared erreichte den Vorsprung. Für einen Moment drohte die Strömung ihn mit sich zu reißen, doch dann legte er die Fackel auf den Fels, wo sie wie durch ein Wunder nicht erlosch und hatte jetzt beide Hände, um sich festzuhalten. Er packte einen hervorstehenden Stein und zog sich daran hoch, ohne dabei die brennende Fackel zu berühren. Sicher auf der Brücke angekommen, fixierte er seine Fackel sofort zwischen zwei Felsen und nickte mir zu. „Jetzt du!“, brüllte Jared gegen das Tosen des Wassers an.

Ich atmete tief durch. Dann ließ ich mich ein Stück nach vorne treiben, bis kurz vor den Felsvorsprung. Ich reichte Jared meine Fackel, die er ablegte, dann zog er mich hoch. Ich spürte den heftigen Zug an meinen Beinen, die Strömung, die versuchte mich mit sich zu reißen, doch irgendwie schaffte ich es sicher auf die Brücke hinauf. Einen Moment saß ich schwer atmend auf dem nassen Boden, erleichtert, dass ich es geschafft hatte, aber auch entsetzt. Shay kämpfte sich näher heran. Schnell rappelte ich mich auf, um Jared zu helfen. Da verlor Shay den Boden unter den Füßen. Sie kreischte auf, ihre Fackel klatschte ins Wasser und erlosch, doch dann hatten Jared und ich jeweils einen von ihren Armen gepackt und zerrten sie zurück an die Oberfläche, bevor sie untergehen konnte.

Als auch Shay, zitternd und ebenso klatschnass wie wir alle, auf der Brücke saß, kamen Nathan und Luke dran, die problemlos auf den Vorsprung gelangten.

Als letztes war noch Jade übrig. Sie reichte Nate ihre Fackel und wollte sich mit Lukes Hilfe hochziehen. Jared, Shay und ich mussten schon ein Stück in den Gang rücken, da die Brücke nicht breit genug für uns alle war.

Alles, was ich sah, war die Bewegung, mit der Jade abglitt und zurück ins Wasser stürzte. Ich schrie ihren Namen und sprang zurück auf die Brücke, um ihr irgendwie zu helfen, doch es war zu spät.

Jade stieß einen grauenvollen Schrei aus, dann verschluckten sie die Fluten und ihr Schrei verlor sich in der Tiefe. Es war nur noch der Aufprall ihres Körpers auf der Wasseroberfläche zu hören, schwerer als das Wasser um sie herum, viele Meter unter uns, unmöglich zu erreichen.

„Jade!“, brüllte ich nochmals, doch innerlich wusste ich, dass keiner mehr etwas für sie tun konnte, keiner von uns konnte sie noch retten.

„Nein, nein, nein, nein“, flüsterte Shay, die sich zusammengekauert hatte. „Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein.“

Luke stand wie erstarrt am Rand der Brücke und starrte hilflos in die Wassermassen.

Wir schwiegen einige Sekunden, hilflos, in unserer Trauer gefangen. Keiner von uns hatte Jade gut oder lange gekannt, aber dennoch war es so schrecklich, sie sterben zu sehen und ihr Tod erschütterte mich über alle Maße.

Sie musste tot sein. Kein Mensch konnte gut genug schwimmen, um aus diesem nassen Grab zu entkommen. Jade war nicht mehr da.

Schließlich war es Nathan, der sich aufrappelte und mit rauer Stimme „Wir müssen weiter“ sagte.

Wir folgten dem einzig möglichen Gang, der andere war verschüttet und dadurch unpassierbar.

Er war immer noch eng,  aber dafür trocken.

Stumm schlichen wir hintereinander her. Außer Shays gelegentlichem leisem Schluchzen war nichts zu hören.

Wie hatte Jade abrutschen können? Hatte sie keiner festgehalten? Unzählige Gedanken schossen mir durch den Kopf, die sich einfach nicht beruhigen ließen. Du kannst nichts mehr ändern, sie ist tot, sagte ich mir selbst. Was bringt es, sicher weiter darüber Gedanken zu machen? Schau nach vorn, du musst durchhalten und hier lebend rauskommen. Aber es half nichts. Jades Tod hatte mich zu sehr geschockt, um ihn einfach verdrängen zu können.

Auch die anderen hingen ihren trüben Gedanken nach. Nathan kickte wütend einige auf dem Boden liegende kleine Steine gegen die Wände, Shay liefen die Tränen ungehindert übers Gesicht.

Wir dürfen jetzt nicht aufgeben, dachte ich. Jetzt müssen wir hier erst recht herauskommen.

 

Kapitel 5

 

Meine Fackel brannte langsam, aber stetig ab.

„Leute“, sagte ich schließlich leise. Meine Fackel geht gleich aus.“

„Meine auch“, erwiderte Nathan grimmig. „Aber wir sollten ohnehin eine Pause einlegen.“ Er blickte zu Shay rüber. Seid Jades Tod waren mindestens vier Stunden vergangen, ohne jede Erholung. Shay war hinter uns her gestolpert, stumm, aber jetzt sah sie so aus, als würde sie auf der Stelle zusammenbrechen. Genauso fühlte ich mich gerade.

Jared nickte zustimmend. „Lasst uns hier bleiben. Wenn uns jemand etwas tun will, kann er nur von links oder rechts kommen und wir sehen ihn schnell.“

Shay ließ sich sofort zu Boden fallen und wir folgten ihrem Beispiel.

„Einer muss immer aufbleiben“, meinte Nathan. „Ich übernehme die erste Wache und weck dann den nächsten.“

Schon halb im Schlaf murmelte ich „Okay“, bevor ich ganz weggetreten war.

Es kam mir vor, als hätte ich erst wenige Minuten geschlafen, als Luke mich weckte und „Du bist dran“ flüsterte. Ich nickte noch halb im Schlaf und ließ mich dann auf einem Felsen etwas abseits nieder, von wo aus ich beide Seiten des Gangs gut im Blick hatte. Plötzlich fragte ich mich, woher eigentlich das schwache Licht kam, das den Tunnel in ein flackerndes Licht- und Schattenspiel umwandelte. Dann entdeckte ich die, in den Boden gerammte Fackel. Daneben lagen noch vier andere Fackeln, die aber, genau wie die brennende Fackel, nicht mehr lange halten würde. Wir teilen sie auf, damit sie so lange wie möglich halten, erkannte ich. Das war schlau.

Da nahm ich eine Bewegung war und blickte alarmiert auf, doch es war nur Nathan, der offensichtlich nicht schlafen konnte. Er wich den anderen aus, die verstreut auf dem Boden lagen und hockte sich neben mich.

„Was ist los? Kannst du nicht schlafen?“, erkundigte ich mich leise.

Er schüttelte den Kopf. „Dafür ist zuviel passiert. Kannst du das alles begreifen?“

„Nein. Mir kommt es noch ganz unwirklich vor. Jade ist tot und…“ Ich brach ab. Und was? Würden wir auch sterben?

Nathan schien dasselbe zu denken, denn er seufzte und  meinte dann: „Lass uns zumindest jetzt nicht darüber nachdenken. Morgen ja, aber jetzt für den Moment vergessen wir alles, was passiert ist und tun so, als wären wir zwei völlig normale Teenager auf einer Party, okay?“

„Klingt gut.“ Ich versuchte zu lächeln.

„Dann erzähl mir was von dir“, bat Nate. „Wir treffen uns zum ersten Mal auf einer dieser amerikanischen Highschool- Partys und ich will dich besser kennenlernen.“

Jetzt grinste ich wirklich. „Das ist total klischeehaft. Du schaust zu viel High School Musical.“ Ich mochte Nate. Er war nicht, wie ich anfangs gedacht hatte, ein typischer Junkie, der keine zwei Stunden ohne Zigaretten auskam, ohne dabei Entzugserscheinungen zu bekommen.

„Über mich gibt’s nicht viel zu erzählen“, meinte ich, berichtete ihm aber dennoch ein wenig über mich.

Nathan lachte. „Erzähl bloß nicht zuviel über dich.“ Dann zögerte er für einen Moment, ehe er fortfuhr.

„Ich hab eine Schwester, aber ich sehe sie nicht besonders oft, sie studiert in Kanada. Meine Eltern leben irgendwo in England, aber ich habe keinen Kontakt mehr zu ihnen. Ich wohn eigentlich in London in einer WG, aber gerade sind wir viel unterwegs.“

„Dass er keinen Kontakt zu seinen Eltern hatte, wunderte mich, aber ich wollte ihn nicht bedrängen. Also fragte ich stattdessen: „Wie kommt es, dass ihr ausgerechnet hier nach Shadowside kommt?“

„Einfach so. Sobald wir hier raus sind, musst du mal in London vorbeikommen.“

„Wenn wir hier rauskommen…“ Auf einmal waren all die finsteren Gedanken wieder da, von denen Nathan mich für kurze Zeit abgelenkt hatte.

„Wir kommen hier raus, versprochen.“ Er wusste genauso gut wie ich, dass er dieses Versprechen vielleicht nicht halten konnte, aber in diesem Moment fühlte ich mich dennoch besser.

„Wir sollten langsam weitergehen“, meinte Nathan.

Also weckten wir die anderen auf und machten uns wieder auf den Weg.

 

Natürlich dachten wir alle weiterhin an Jade, doch wir mussten uns jetzt zusammenreißen. Für Trauern würde später auch noch Zeit sein, wenn wir lange genug lebten.

Immer und immer wieder stellte ich mir die Frage: Wer konnte uns so etwas antun? Wer konnte den Tod eines Mädchens einfach so in Kauf nehmen? Und vor allem, warum? Warum tut man so etwas?

Ich konnte keine Antwort finden, ebenso wenig wie der Rest der kleinen Truppe. Aber noch war Hoffnung vorhanden bei allen von uns. Wir hatten noch nicht aufgegeben.

 

Wir folgten dem Weg, der jetzt relativ flach geradeaus führte.

„Was schätzt ihr, wie weit sind wir unter der Erde?“, erkundigte Shay sich irgendwann.

Luke antwortete ihr. „Es müssen mindestens dreißig Meter sein. Die Party fand schon ungefähr fünfzehn Meter unter der Oberfläche statt und die Tunnel gingen mindestens noch mal so tief.“

„Ist es hier unten sicher oder können die Tunnel einstürzen?“, fragte Nathan. Natürlich, er kam nicht von hier.

Ich überlegte. „Bis jetzt hab ich noch nie etwas über Unfälle gehört. Es heißt, das Bergwerk wäre geschlossen worden, weil die Ressourcen hier unten aufgebraucht sind.“

„Uns passiert schon nichts“, erwiderte Jared. „Durch einen Einsturz werden wir ganz bestimmt nicht sterben.“

Das „sondern durch einen gestörten Killer“ ließ er unausgesprochen, aber ich glaube, jeder hörte es.

Ich vertrieb alle beunruhigenden Gedanken aus meinem Kopf und fragte stattdessen: „Jared, wie lange brennt die Fackel noch?“

Er trug die einzige Fackel, die noch nicht vollständig abgebrannt war.

„Nicht mehr lange. Wir müssen bald etwas Neues finden oder wir stehen im Dunkeln.“

Vor der nächsten Biegung flackerte die Flamme noch einmal auf und erlosch dann endgültig, bevor ich einen Blick in den Gang erhaschen konnte.

Fluchend holte Nathan sein Feuerzeug aus der Tasche.

Gerade wollte er einen Schritt in den dunklen Gang machen, als ich erkannte, was wirklich vor uns lag. „Stopp!“, schrie ich panisch und zerrte ihn zurück.

„Was ist los?“, fragte Nathan verwirrt, bis er es sah.

Vor uns lag eine tiefe dunkle Schlucht. Jared trat vorsichtig näher und leuchtete mit seinem Feuerzeug hinunter. Der schwache Lichtschein fiel auf fast senkrecht in die Tiefe führende Felswände, der Grund war nicht zu sehen.

„Das war’s, aus und vorbei. Da kommen wir nicht runter“, sagte Shay tonlos. „Wir werden hier sterben.“

„Nein, das kann nicht sein, das kann ich einfach nicht glauben.“ Neue Entschlossenheit durchflutete mich. „Wir sind nicht dem Wasser entkommen, um jetzt hier zu sterben. Es muss einen Weg geben.“
Jared nickte mir zu. „Sehe ich auch so. Los, suchen wir. Irgendwo haben wir etwas übersehen.“

„Schaut euch das an“, meinte Nathan und deutete auf einen schmalen Felsvorsprung, der genau am Rand der Schlucht entlang führte.

Shay blickte uns entsetzt an. „Nein!“ Als sie sah, dass Jared und Nathan wohl ernsthaft darüber nachdachten, die Schlucht auf diese Art zu überqueren, schrie sie vollkommen außer sich: „Das kann unmöglich euer Ernst sein! Wir werden hinunterstürzen und uns das Genick brechen!“

„Wir sollten es versuchen“, meinte Nathan nur und Jared nickte zustimmend.

„Bin ich wirklich die Einzige, die diesen Plan für komplett durchgeknallt und unmöglich hält?“

„Nee, Shay. Ich sehe das auch so. Wir kommen da nie lebend drüber.“ Luke schloss sich ihrer Meinung an, also zwei dagegen, zwei dafür.

Es lag an mir. „Skye?“, fragte Jared ungeduldig.

Ich zögerte. Vermutlich war das Ganze das reinste Selbstmordkommando, doch wenn wir umdrehten, gäbe es auch keinen Ausweg. Hier hatten wir wenigstens eine Chance.

„Ich bin wahrscheinlich total verrückt, aber…“ Ich atmete tief durch, „Ich komme mit.“

„Nein, Skye, nicht!“, rief Shay nun vollkommen verzweifelt.

„Komm schon“, erwiderte ich. „Lieber sterbe ich so, anstatt zu verhungern oder zu verdursten.“

„Was ist jetzt, Shay, Luke, kommt ihr mit?“

Luke nickte ergeben, aber alles andere als begeistert.

Shay blickte uns angsterfüllt an. „Ich hab Höhenangst. Das schaffe ich nie.“

„Du musst“, meinte Nathan. „Wir lassen dich nicht zurück. Wir werden dir helfen, Shay. Du schaffst das.“

Immer noch ängstlich nickte sie schließlich.

Jared ging als erstes. Dann Nathan. Ich sah, wie sie sich eng an die Felswand pressten und dann seitwärts einen Fuß vor den nächsten setzten. Mit der einen Hand stützten sie sich an der Wand ab, in der anderen hielten sie die Feuerzeuge.

„Geh du zuerst“, sagte Luke zu mir. Ich nickte, warf Shay noch einen aufmunternden Blick zu und nährte mich dann der Schlucht.

„Ganz ruhig“, flüsterte ich leise. „Nur nicht nach unten sehen.“ Dann setzte ich einen Fuß auf die Kante. Ich tastete mich an der Wand vorwärts, so wie ich es bei den Jungs gesehen hatte. Immer wieder brachen kleine Stücke Fels unter meinen Füßen weg. Mein Atem ging stoßweise und ich zitterte am ganzen Körper. Mit weichen Knien schob ich mich weiter vorwärts. Ich riskierte einen kurzen Blick zur Seite und sah Nate kurz vor mir und Luke direkt hinter mir.

Dann sah ich Shay einen Schritt vom Abgrund weg treten. Ich schrie ihren Namen.

„Nein.“ Ihre Stimme hallte zu uns rüber und sofort hielten wir alle inne. „Ich kann das wirklich nicht. Geht weiter, es… es tut mir Leid. Folgt mir nicht, ich geh einfach zurück und warte dort auf Hilfe.“

„Shay“, schrie ich erneut. „Komm schon, es ist nicht schwer, komm mit!“

Sie schüttelte den Kopf und machte einen weiteren Schritt rückwärts.

„Shay, nicht!“, brüllte jetzt auch Nathan.

Hinter ihr blitzte plötzlich etwas auf. Sie schrie und taumelte vorwärts und stürzte den Felshang hinunter, die Arme ausgestreckt, als wolle sie sich an etwas festhalten, doch da war nichts. Ich sah noch ihren entsetzen, ungläubigen Gesichtsausdruck, dann war sie aus meinem Blickfeld verschwunden.

Ich schrie erneut ihren Namen und wollte umkehren, irgendwie zurückgelangen und ihr helfen. Ich weigerte mich, daran zu glauben, dass Shay tot sei. Aber ich konnte nicht zurück. Luke blockierte mir den Weg und auch Nate kam ein Stück zurück. Das Gesicht von Trauer verzerrt meinte er: „Wir können nichts mehr tun, es ist zu spät.“ Ich nickte erschöpft und folgte ihm dann. Er hatte Recht, es war zu spät.

Zitternd kam ich auf der anderen Seite an. Wie, weiß ich nicht. Vor Trauer wie gelähmt hockte ich da und schlang die Arme um meinen Oberkörper.

Jared reichte mir seine Jacke und als ich sah, dass er sie entbehren konnte, nahm ich sie dankbar an.

„Er tötet uns alle hintereinander“, flüsterte ich, heiser vor Schmerz. „Er will, dass wir dabei zusehen und leiden, aber immer wissen, dass wir der Nächste sein könnten.“

Jared nickte bitter. „Du hast Recht. Und er wird dafür bezahlen, was er Jade und Shay angetan hat.“ Eine Weile saßen wir da, ließen uns von Trauer und Angst überrollen.

Schließlich sagte Nathan: „Kommt. Schauen wir, was dieser Scheißkerl sonst noch so zu bieten hat.“

Und so machten wir uns einmal mehr auf den Weg.

„Machs gut, Shay“, flüsterte ich dem Abgrund zu, bevor ich mich umdrehte und den anderen folgte.

 

Kapitel 6

 

Von sechs Teenagern, die losgegangen waren, waren jetzt noch vier übrig und ich hatte keinerlei Zweifel, dass wir noch weniger werden würden.

Wer auch immer uns hier herein gelockt hatte, kannte unsere Schwächen. Shays Höhenangst musste dem Mörder bekannt gewesen sein, denn Shay wäre nicht von allein gestürzt. Außerdem musste ich an das Aufblitzen denken, das ich gesehen hatte. Ein Messer? Ich erschauderte unwillkürlich.

„Alles klar?“, fragte Jared, der neben mir ging.

„Nein“, sagte ich bitter. „Gerade hat dieses Schwein zwei Mädchen getötet. Er muss dafür bezahlen.“

Jade war eigentlich durch die Wassermassen gestorben, die sie mit sich in die Tiefe gerissen hatten, aber da der Unbekannte schuld war an dieser Situation, machte ich ihn für Jades Tod verantwortlich.

Jared offensichtlich auch, denn er antwortete grimmig: „Das wird er.“

Ich nickte zufrieden.

Doch die Angst in uns war jetzt viel stärker. Wir hatten gesehen, wozu unser unbekannter Spielführer fähig war. War es das für ihn? Ein Spiel?

Ich schnaubte bei diesem Gedanken vor Wut.

 

Einige Stunden später lief mir der Schweiß in Strömen übers Gesicht.

Vollkommen erschöpft bat ich die Jungs um eine Pause.

Luke war auch der Meinung, dass es Zeit wäre, sich ein wenig auszuruhen und so ließen wir uns auf dem steinigen Boden nieder.

Ich kuschelte mich tief in Jareds Jacke ein -er schien sie noch eine Weile entbehren zu können- und rollte mich auf dem unbequemen Boden zusammen.

Kurz dachte ich noch: Hier werde ich nie schlafen können, doch dann überfiel mich auch schon die Müdigkeit und meine schweren Augenlieder klappten wie von allein zu. Um mich herum breitete sich undurchdringbare Schwärze aus.

 

Als Nathan mich wach rüttelte, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte.

In seinen braunen Augen lag eine Mischung aus Hass oder Wut und grenzenloser Angst.

Hastig rieb ich mir den Rest Schlaf aus den Augen, dann richtete ich mich auf.

„Was ist los? Ist was passiert?“

Er nickte. „Luke ist weg.“

Ich kam noch nicht ganz mit. „Wie weg? Was ist mit Luke?“

„Er ist verschwunden.“ In einer genauso hilflosen wie verzweifelten Geste fuhr sich Nate mit der Hand durch die blonde Mähne, die selbst Tina Turner Konkurrenz gemacht hätte. „Eigentlich sollte ich die Wache übernehmen, aber Luke hat gemeint, er wäre noch nicht müde und würde aufbleiben. Als ich dann wieder ausgewacht bin, war er einfach nicht mehr da. Er muss ihn bekommen haben.“

Gruslig, dass wir für den Psychopathen keinen Namen hatten. Sollten wir ihn vielleicht „Du-weißt-schon-wer“ oder „großer Unbekannter“ nennen?

Dann realisierte ich endlich Nathans Worte.

„Du glaubst, er… er ist tot?“ Meine Stimme kippte.

„Ganz ruhig, ihr beiden“, meinte Jared. Ich zuckte zusammen, weil ich ihn nicht kommen gehört hatte. „Ich hab beide Höhlen abgesucht, es gibt keine Spuren von einem Kampf und auch kein Blut. Was auch immer passiert ist, Luke scheint sich nicht gewehrt zu haben.“

„Vielleicht hat er ihn überrascht und ihm die Kehle aufgeschnitten?“, kreischte ich hysterisch. „Er bringt einen nach dem anderen um“ Erst im Nachhinein bemerkte ich, dass dann Blut auf dem Boden sein müsste.

Nathan drückte kurz beruhigend meinen Arm, dann wandte er sich an Jared.

„Was willst du damit sagen? Denkst du etwa, Luke arbeitet mit unserem Unbekannten zusammen?“, fragte er ruhig.

Jared zuckte die Schultern. „Vielleicht. Er sollte Jade helfen, aber sie ertrank. Und denkt auch daran, wer vor Shay ging, bevor sie sich entschloss zurück zu bleiben.“

Ungläubig schüttelte Nate den Kopf. „Das kann ich nicht glauben. Keiner von uns kennt Luke schon lange, aber ich traue ihm nicht zu, uns alle in den sicheren Tod führen zu wollen.“ Mit diesen Worten sprach er aus, was auch ich dachte.

„Ich weiß“, räumte Jared ein, „Eigentlich kann ich mir das auch nicht vorstellen. Ich versuche nur alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, denn das müssen wir wohl, wenn wir überleben wollen.“

„Und jetzt?“ Vergeblich versuchte ich das leichte Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken. „Suchen wir Luke?“

Weder Jared noch Nate konnte mir in die Augen sehen. Stattdessen betrachteten sie eifrig den Boden unter ihren Füßen und ihre verdreckten, staubigen Schuhe.

Ich war kurz davor zu explodieren.

„Das kann unmöglich euer Ernst sein!“, fauchte ich. „Vielleicht lebt Luke noch, wir müssen ihm doch helfen.“

Jared seufzte müde und blickte mich schließlich doch an. „Keine Chance, Skye. Wir wissen weder, wann Luke verschwunden ist, noch, wohin. Außerdem kennen wir uns hier unten nicht aus, was unserem Mörder einen deutlichen Vortei verschafft, denn ich wette, er kennt die Wege hier sehr genau. Wir können im Moment nichts tun, außer weiterzugehen und versuchen zu überleben.“

„Aber…“, begann ich.

„Skye, er hat Recht“, unterbrach mich Nate unglücklich.

Ich musste mich geschlagen geben und trottete schweigsam hinter den beiden Jungs her, als wir unseren aussichtslosen Weg fortsetzten.

 

Genauso wie unsere Situation wurden auch die Gänge und Höhlen immer schlimmer. Zuvor waren sie einfach steinig und grau gewesen, doch jetzt verwandelten sie sich innerhalb von kürzester Zeit in eklige und miefige Tunnel, die zu allem Überfluss auch noch immer enger wurden. Bald schon konnte ich nicht mehr aufrecht stehen.

Abrupt endete der Tunnel plötzlich vor einer mächtigen Steinwand, die die ganze Breite des Durchgangs einnahm.

„Was jetzt?“, flüsterte ich beunruhigt.

„Keine Ahnung“, gestand Jared.

„Was ist das für ein krankes Spiel? Wir können doch nicht so weit gekommen sein, um dann nur vor einer Wand nicht mehr weiterzukommen. Das. Kann.

Einfach. Nicht. Sein.“ Bei den letzten Worten schlug Nathan mit der bloßen Faust gegen den Stein. Nichts passierte, natürlich nicht.

„Hör auf!“, rief ich frustriert, „Das bringt doch nichts. Mit Gewalt kommen wir nicht weiter.“

„Was sollen wir dann machen?“, schnaubte Nate wütend. „Davor stehen und beten?“

Fest erwiderte ich seinen Blick. „Versuchen einen anderen Weg zu finden. Das ist im Moment unsere einzige Möglichkeit.“

Jared nickte zustimmend.

Auf Händen und Knien begannen wir systematisch die Steinwand und die daneben liegenden Wände abzusuchen. Nach was genau wir Ausschau hielten, war wohl keinem klar, doch unser Überlebensinstinkt und die Furcht vor diesem Ort waren zu groß, als dass wir aufgeben konnten.

„Hier!“, schrie Nathan plötzlich aufgeregt, „Ich hab was gefunden!“

Sein ausgestreckter Finger zeigte auf eine kaum sichtbare Öffnung am unteren Rand der Mauer. Ein schwarzes, klaffendes Loch, das entweder in Richtung Tageslicht führte oder nur noch weiter hinab in die gefürchtete Tiefe.

Ich blickte vorsichtig hinunter und stöhnte vor Angst auf. Es führte abwärts, aber ein Boden war nicht zu erkennen.

„Es sieht ziemlich tief aus“, sagte ich mit belegter Stimme. „Sollen wir das wirklich wagen?“

„Schätze, wir haben keine Wahl“, murmelte Jared trocken.

„Wir sollten einen Stein runter werfen oder so“, beharrte ich, „Was, wenn es eine Falle ist und wir brechen uns alle den Hals?“

Genervt schüttelte Jared den Kopf. „Ich geh da jetzt runter. Wenn ihr nichts von mir hört, sucht nach einem anderen Weg.“

Geschockt starrte ich ihn an. Wollte er sich etwa umbringen?

Doch die Entschlossenheit in seinem grimmigen Gesicht zeigte mir, dass nichts und niemand ihn mehr umstimmen konnte. Er hatte seinen Entschluss gefasst.

Jared zwängte sich mit den Füßen voran in das Loch.

Dann drehte er sich noch einmal um und nickte uns angespannt zu. „Wir sehen uns unten.“

Er rutschte vorwärts.

„Warte“, rief ich panisch, als nur noch sein Kopf zu sehen war. Er blicke mich an, das Gesicht vor Anspannung verzerrt. „Sei bitte vorsichtig“, flüsterte ich.

In diesem Moment war es mir egal, wie verletzlich und schwach das klang, ich machte mir zu große Sorgen um Jared.

Seine harte Miene wurde weich.

„Das werde ich. Bis gleich:“ Er lächelte, dann war er verschwunden.

Sofort stürzten Nate und ich atemlos vor.

Nate leuchtete mit der Fackel ins Loch und rief laut Jareds Namen. Doch wir hörten weder eine Antwort, noch einen Aufprall oder dergleichen.

„Ich kann ihn nicht sehen“, flüsterte ich entsetzt.

„Jared“, brüllte Nathan erneut, dieses Mal lauter.

Keine Antwort.

Nach endlosen Sekunden, in denen meine Angst mich zu überwältigen drohte, drang endlich Jareds gedämpfte Stimme zu uns nach oben.

„Alles in Ordnung. Der Aufprall war ziemlich hart, aber wenn ihr rutscht, anstatt euch fallen zu lassen, wird es gehen.“

Ich atmete erleichtert auf. Jared lebte.

Nathan blickte mich fragend an. „Du zuerst?“

Zögernd nickte ich.

„Du schaffst das“, sagte Nathan hinter mir, als ich den ersten Fuß durch die Öffnung schob. „Ich bin gleich hinter dir.“

Dankbar für die Aufmunterung lächelte ich ihm noch nervös zu, dann zog ich das zweite Bein nach. Nur noch mit den Händen hielt ich mich jetzt fest.

Sie waren schweißnass. Du schaffst das, sagte ich mir leise.

„Keine Sorge, Skye. Es ist nicht so schlimm und ich fang dich auf“, rief Jared von unten.

Ich atmete tief durch und ließ los.

 

Kapitel 7

 

Ich schrie, während ich auf dieser erdigen Höllenrutsche weiter hinunter gelangte.

Es war einfach grauenvoll. Die Decke über mir bröckelte und durch meinen rutschenden Körper wurde staubiger Sand aufgewirbelt, der mir ins Gesicht schlug. Hastig presste ich die Augen zu. Wie lang war dieser Tunnel?

Plötzlich wurde ich heftig und gleichzeitig schmerzhaft gestoppt, als sich mein linker Fuß irgendwie in einer Felsspalte verfing.

Es ruckte heftig und ich brüllte auf vor Schmerz, als mein ganzes Gewicht auf dem eingeklemmten Fuß lag.

Verzweifelt rüttelte ich daran, zerrte an meinem Schuh, um ihn loszubekommen.

Nichts half. Als ich nach oben blickte, kam mir die Lage noch aussichtsloser vor. Es war stockdunkel. Weder Jared noch Nathan konnten mir hier unten helfen.

„Komm schon. Streng dich an, Mädel, oder willst du hier unten sterben?“, zischte ich durch zusammengebissene Zähne.

Jeder Ruck, jedes Ziehen schmerzte höllisch in meinem lädierten Fuß, doch was sollte ich machen?

Jared bemerkte, dass etwas passiert war.

Ich hörte seine besorgte Stimme: „Skye, was ist los?“

„Ich… bin eingeklemmt“, schrie ich abgehackt zurück. „Mein Fuß steckt fest.“

Mein Magen verzerrte sich vor Angst, ich atmete hektisch.

Von der Decke herabrieselnder Sand gelangte mir in Mund und Nase.

Ich riss panisch die Augen auf und versuchte, meine Atemwege irgendwie wieder frei zu bekommen.

„Skye, ganz ruhig, du darfst nicht in Panik geraten“, rief Jared.

Ein heftiger Hustenanfall schmirgelte in meiner trockenen Kehle. Endlich bekam ich wieder Luft. Ich spuckte körnigen Sand und zog hastig die muffige Luft in meine Lunge.

Nach einigen tiefen Atemzügen legte sich meine Angst genug, dass ich weiter an meinem Fuß zerren konnte.

„Versuch an deinem Fuß zu rucken, dann lösen sich die Steine. Und dreh ihn leicht hin und her“, riet Jared mir.

„Du schaffst das, mach dir keine Sorgen“, ermunterte mich Nate.

Tatsächlich, als ich den Fuß vorsichtig hin und her drehte lockerte er sich. Mit einem heftigen Ruck zerrte ich ihn aus der Spalte, woraufhin ihn sofort ein stechender Schmerz durchzuckte.

Atemlos schrie ich: „Ich hab’s geschafft!“

Jared lachte erleichtert auf.

Ich ließ die Wände los und die Rutschpartie ging weiter.

Doch nicht mehr lange und die Höhle endete plötzlich. Während ich nach unten stürzte, machte ich mich auf einen harten Aufprall gefasst, doch ich krachte in etwas Weiches und zugleich Hartes.

Jared und ich gingen in einem Gewirr aus Armen und Beinen zu Boden.

Einen Moment blieb ich liegen, während Jared sich benommen aufrichtete.

Mein Körper schmerzte von dem harten Aufprall, obwohl Jared mich wie versprochen aufgefangen hatte.

Über mir erschien sein besorgtes Gesicht.

„Hey, alles in Ordnung?“, erkundigte er sich.

Ich nickte. „Und bei dir ?“

„Mir geht’s gut“, versicherte er mir, doch ich sah, dass er sich die Seite hielt.

„Ich hatte keinen, der meinen Fall gebremst hat“, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu.

Jared zog mich auf die Beine, doch sobald mein linker Fuß belastet wurde, schoss mir ein stechender Schmerz durch den Knöchel. Ich keuchte auf und ließ mich wieder auf den Boden sinken. Vorsichtig bewegte ich meinen Fuß hin und her.
„Der eingeklemmte?“, fragte Jared.

Ich nickte. „Ist aber nichts gebrochen, ich kann ihn bewegen.“

Durch das Loch in der Decke schoss Nathan plötzlich hervor und krachte neben uns auf den Boden.

Kurz schüttelte er benommen den Kopf, kam dann aber schnell wieder auf die Beine, wenn auch etwas wacklig.

„Ist dir was passiert?“

Nate rollte kurz mit den Schultern, dann schüttelte er den Kopf. „Alles gut. Wie geht’s deinem Fuß?“

„Tut weh, aber laufen wird schon irgendwie klappen.“

Die beiden zogen mich hoch.

Da bemerkte ich drei Fackeln, die auf dem Boden lagen.

„Schaut mal.“

Jared zündete sie an und verteilte sie an uns.

Er runzelte die Stirn. „Er wusste, dass an diesem Punkt nur noch drei von uns übrig sind.“

Ich konnte nicht weiter darüber nachdenken, was diese schreckliche Person wusste oder als nächstes tun würde. Ich wollte nur noch hier raus.

Abwechselnd auf Jared und Nathan gestützt machte ich mich humpelnd mit den beiden auf den Weg.

Der einzige Tunnel führte nach rechts, schien aber einen leichten Anstieg zu haben.

Näher in Richtung Oberfläche, flüsterte eine hoffnungsvolle Stimme in mir.

Jetzt konnten wir zum Glück wieder aufrecht nebeneinander gehen und von Wasser an den Wänden war auch keine Spur mehr zu sehen.

Doch wir kamen deutlich langsamer voran. Mit meinem Fuß konnte ich nicht allzu schnell laufen und Jared wollte es sich zwar nicht anmerken lassen, doch er hielt sich ziemlich oft die Rippen und atmete schwer.

Auf einmal blieb Nathan neben mir ruckartig stehen.

Da ich mich auf seiner Schulter abgestützt hatte, stolperte ich.

Er seufzte schwer. „Nicht schon wieder.“

Ich folgte seinem Blick.

Noch einige Meter entfernt von uns war wohl ein Teil des Tunnels eingebrochen.

Bis knapp unter die Decke türmten sich graue Felsbrocken, die uns den Weg versperrten. Der einzig mögliche Durchgang schien mir über das grobe Geröll hinweg, durch den Spalt zwischen Decke und Steinblöcken.

„Nicht im Ernst“, stöhnte ich. „Da komm ich nie drüber mit meinem Fuß.“

Jared blickte alles andere als begeistert zu dem engen Durchgang hinauf.

„Ich sag es nur ungern, aber wir haben einmal mehr keine Wahl.“

Er trat näher an die Felsbrocken heran.

„Hier, wir können die Felsen als eine Art Treppe benutzen. Dann kriechen wir durch die Spalte.“

„Pah, einfach“, grummelte ich vor mich hin.

Jared grinste mich verschmitzt an. „Solltest du wieder stecken bleiben, zieh ich dich weiter.“

„Ich bin nicht stecken geblieben, mein Fuß hat sich verhakt“, protestierte ich aufgebracht, doch ich musste selbst lachen.

Es war schon komisch, dass wir in dieser Situation noch lachen und scherzen konnten. Vielleicht gewöhnten wir uns ja allmählich daran gejagt zu werden und hier unten zu sein. Ich schüttelte den Gedanken hastig ab. Wir würden hier lebend raus kommen, daran glaubte ich noch.

Jared kletterte die wackligen Felsen als Erster hoch. Mit erhobener Fackel leuchtete er in den engen Spalt.

„Okay“, rief er über die Schulter. „Das wird jetzt etwas schwieriger. Wir müssen hier irgendwie durchkommen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Fackeln nicht ausgehen, sonst stehen wir im Dunkeln. Wartet bis ich euch sage, dass alles in Ordnung ist, bevor ihr nachkommt.“

Als Nathan und ich nickten und „Viel Glück“ sagten, machte er sich auf den Weg.

Ich beobachtete, wie er die Fackel nach vorn streckte und sich dann auf den Ellbogen und Knien vorwärts schob. Schon nach kurzer Zeit war er verschwunden.

„Und?“, rief Nate ungeduldig.

Wieder warteten wir eine ganze Weile erfolglos auf seine Antwort.

Besorgt trat ich von einem Fuß auf den anderen. „Meinst du, ihm ist etwas passiert?“ Ich wollte nachschauen und Jared folgen, doch er hatte gesagt, wir sollten warten.

„Es ist ziemlich anstrengend“, drang schließlich Jareds Stimme zu uns durch. Auf ungefähr der Hälfte des Wegs wird die Spalte noch enger. Dort müsst ihr kriechen, sonst bleibt ihr stecken. Schiebt euch mit den Füßen vorwärts und zieht euch mit der Hand ohne Fackel hinterher. Und passt auf, dass ihr euch nicht an der Fackel verbrennt.“

„Ist angekommen“, brüllte Nathan zurück, dann grinste er mir nervös zu.

„Ladies first?“

Zögernd trat ich vor. „Du kannst auch vorgehen, ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“

„Das musst du. Deshalb gehst du vor und ich helfe dir dann, falls etwas passiert. Du kannst das.“

„Schön, dass du mehr Vertrauen in mich hast als ich“, murmelte ich. Dann reichte ich Nate meine Fackel, um mit schmerzendem Fuß die Steine hochzuklettern. Als ich so weit oben wie möglich war, gab er sie mir zurück und meinte: „Wir sehen uns drüben.“

Ich erwiderte sein Lächeln. „Bis gleich.“

Wie sehr wir uns beide irrten, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 8

 

Der schmale Spalt vor mir wirkte wie der schmale Grad zwischen Leben und Tod.

Mir war wohl bewusst, dass ich bei einer einzigen falschen Bewegung die Steine ins Rollen bringen würde und verschüttet wäre, begraben unter Tonnen von Steinen.

Zwischen der instabilen Tunneldecke und den Steinen unter meinem Körper war kaum Platz. Ich streckte mit der rechten Hand die Fackel nach vorn, die linke nutzte ich, um mich vorwärts zu ziehen. Meinen linken Fuß entlastend, schob ich mich mit dem rechten vorwärts. Schnell brannten meine Arme wie Feuer, doch Jared rief mir aufmunternd zu: „Ich kann den Lichtschein von deiner Fackel schon erkennen. Gleich hast du es geschafft.“

Erleichtert zog ich mich weiter vorwärts. Doch nun kam die enge Stelle, von der Jared berichtet hatte. Ich rutschte nach seiner Anweisung auf dem Bauch vorwärts. Die Kanten der Steine schnitten mir schmerzhaft ins Fleisch, aber ich kam zum Glück schneller durch die muffige Höhle, als ich erwartet hatte.

Kaum erreichte ich das andere Ende des schmalen Spalts, nahm Jared mir die Fackel ab und half mir runter.

„Nate“, rief ich. „Du kannst kommen, ich bin drüben.“

„Alles klar, ich komme“, erwiderte er.

Plötzlich gab es einen dumpfen Schlag und Nathan schrie auf.

„Was war das?“, flüsterte ich vollkommen entsetzt.

Jared blickte genauso besorgt wie ich, als er sich hoch auf die Kante hievte und in den Spalt leuchtete. „Nathan? Nate, sag was! Geht’s dir gut?“

Wir lauschten angespannt, doch es kam keine Antwort.

„Ich kann nichts sehen. Keine Sorge, vielleicht hat sich auch nur ein Stein gelöst. Ich geh zurück, du bleibst hier und passt auf, dass dir nichts passiert, okay?“

Ich nickte hastig und musste mit ansehen, wie Jared überstürzt zurückkletterte.

Auf einmal schoss mir ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf, den ich bisher erfolgreich verdrängt hatte. Was, wenn der Mörder Nathan erwischt hatte und jetzt auch Jared umbrachte? Oder wenn der Knall nur eine Falle war, um mich zu erwischen? Vor lauter Angst konnte ich kaum atmen.

Ich hörte ein leises Geräusch hinter mir und wirbelte panisch herum, die Fackel hoch erhoben. Nichts. Nur Wasser, das langsam aber gleichmäßig auf den Boden tropfte und kleine, schlammige Pfützen bildete.

„Jared“, rief ich in einer Art panischem Flüsterton. „Komm schon, bitte sag was.“

Endlich antwortete er mir, doch seine Stimme klang belegt. „Ich komme zurück.“

Kurze Zeit später stand er wieder neben mir. Da Nate nicht bei ihm war, wusste ich schon, bevor Jared den Mund öffnete, dass Nathan nicht mehr auftauchen würde.

„Er war nicht mehr da. Aber an einem Stein klebt Blut. Jemand muss ihn niedergeschlagen haben.“

Das war der Moment, in dem ich das alles einfach nicht mehr ertragen konnte.

Ich kapitulierte und sank gegen die Wand, ließ mich daran runter rutschen und vergrub mein Gesicht in den Händen.

„Nein“, stieß ich mit zitternder Stimme aus, „Nicht.“

Verzweiflung, Angst und grenzenlose Trauer zerrten mich in einem ständigen, gewaltvollen Strudel mit sich hinab in ein tiefes Loch.

Ich nahm noch wahr, wie Jared sich neben mich hockte und blicklos die kalte, grau-braune Steinwand anstarrte, die sich ringsherum befand.

Das eingeengte Gefühl breitete sich weiter aus. Ich kam mir vor wie in einem dunklen Gefängnis. Unbewusst liefen mir heiße Tränen über das Staub bedeckte Gesicht und hinterließen saubere Spuren im dreckigen Grau.

Nathans Tod war etwas anderes als Jade oder Shay oder auch Lukes Verschwinden. Ich hatte Nate gemocht, wir waren hier unten tatsächlich so etwas wie Freunde geworden. Er hatte noch daran geglaubt, lebend aus dieser Hölle fliehen zu können, sein Leben weiterzuleben und seine Schwester wieder zu sehen. Doch er hatte es nicht geschafft.

Und jetzt war es mir nicht mehr möglich, diesen lächerlich kleinen, eigentlich unmöglichen Hoffnungsschimmer in mir aufrechtzuerhalten, dass unser Sturz und die Todesfälle nur schreckliche Zufälle, grausame Spielereien des Schicksals waren.

Ich hatte das Blut nicht gesehen, doch Nathan wäre niemals von allein verschwunden. Jemand hatte ihn getötet und dieser jemand würde sich auch uns vornehmen.

„Er wird nicht aufhören, bis wir alle tot sind“, schluchzte ich hysterisch, „Wir kommen hier niemals lebend raus. Wir sind schon längst tot. Wir wussten es nur nicht.“

Ohne auf meinen Fuß zu achten, richtete ich mich auf, legte den Kopf in den Nacken und schrie voller Verzweiflung in Richtung Decke: „Ich weiß, dass du uns hören kannst. Ich hab genug von deinen dämlichen Spielchen! Sieh mir ins Gesicht, bevor du mich umbringst, du elender Scheißkerl! Du dreckiger Mörder!“

Jared schlang fest seine Arme um mich. Und so standen wir einige Minuten schweigend da. Ich drängte meine Hysterie zurück, doch die Trauer  um Nate blieb. Genau wie meine sich steigernde, unaufhaltsame Verzweiflung, die mich mehr und mehr von innen heraus verschlang.

Doch so schlimm ich Nathans Tod auch fand, wir mussten weiter. Also machte ich mich von Jared los und blickte ihn aus verquollenen Augen an. Was ich in seinem Gesicht, sah erschreckte mich zutiefst. Er hatte Angst. Bis jetzt war er immer so unerschütterlich gewesen, derjenige, der immer weiterwusste und immer vorging. Doch jetzt schien auch er nicht mehr weiterzuwissen. In meinem Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus.

Ich griff nach seiner Hand. „Wir schaffen das. Für alle, die hier unten heute sterben mussten.“ Anscheinend hatte ich einen Teil meines vernebelten Hirns wieder unter Kontrolle gebracht und war noch nicht bereit aufzugeben und zu sterben.

Er nickte und verzog den Mund zu einer harten Linie. „Er wird bezahlen.“

Zu meiner Erleichterung schien Jared sich wieder ein wenig gefasst zu haben.

Hand in Hand liefen wir weiter, ich immer noch humpelnd.

Weiter hinein in die Hölle, wohl wissend, dass einer von uns als nächstes sterben sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 9

 

Vier waren bereits tot, zwei blieben noch übrig.

Wer von uns war der Nächste?

Würde wenigstens einer überleben?

Wer jagte und tötete uns eigentlich?

 

Auf keine Frage konnte ich eine Antwort finden.

Nur eine einzige Sache war mir voll und ganz bewusst:

Wie auch immer, es würde bald enden.

 

Scheinbar endlos lange folgten Jared und ich, die letzten Lebenden, einem hohen, breiten Gang.

„Wir laufen aufwärts“, hatte ich irgendwann hoffnungsvoll geflüstert.

Jared hatte genickt und „Ja, das könnte etwas Gutes bedeuten“ gesagt, doch so richtig überzeugt war keiner von uns mehr.

Nachdem wir uns eine schmale Wendeltreppe hochgequält hatten, standen wir unerwartet in einem schwach erleuchteten, großen Raum.

Ich blickte mich um.

Die Decke lag gut zwei Meter über unseren Köpfen, der Raum war ziemlich breit. Auf der anderen Seite befand sich eine schwere Eisentür, die uns den Weg in die Freiheit versperrte. Rechts direkt an der Wand war ein kleiner,  provisorischer Schrein aufgebaut, mit einem kleinen Holzkreuz, einer Grabkerze und einem verdorrten Blumenstrauß. Auf dem Kreuz war ein kleines, rundes Foto angebracht, genau dort, wo sich die waagrechte und die senkrechte Holzlatte schnitten.

Vorsichtig trat ich näher, um das Foto betrachten zu können. Es zeigte ein wunderhübsches kleines Mädchen mit langen blonden Harren und porzellanfarbener Haut, das fröhlich in die Kamera lachte.

Ich hatte sie noch nie gesehen.

Da fiel mir die Einbuchtung an der gegenüberliegenden Seite des Raums auf.

Langsam machte ich ein paar Schritte darauf zu.

Schon als ich einen schwarzen Nike- Turnschuh dahinter hervorlugen sah, war mir klar, was mich erwarten würde.

„Jared“, stieß ich hervor. Er trat wortlos neben mich.

Den Anblick, der sich uns jetzt bot, ich konnte ihn nie wieder vergessen.

Vier Körper lagen nebeneinander auf dem nackten Steinboden, die Gesichter farblos und blass, die Hände über der Brust gefaltet, wie bei einer Beerdigung.

Ich presste mir die Hände auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.

Doch ich konnte nicht anders, ich musste diese schreckliche Leichenschau näher betrachten.

Jade war die Erste in der Reihe. Ihr kupferfarbenes Haar klebte ihr nass im Gesicht, ihr gesamter Körper war aufgedunsen. Vor ihrem Mund erkannte ich die Reste von einem weißen Schaum, der Ähnlichkeit mit dem Meeresschaum einer Brandung hatte. Sie war zweifellos ertrunken.

Shay kam als nächstes. Wie eine zerbrochene Puppe lag sie vor mir, den Kopf in einem unnatürlichen Winkel verdreht, die blonden Haare wie ein Fächer darum ausgebreitet. Ihr Gesicht und ihr Körper waren von hässlichen Wunden und blau schimmernden Blutergüssen entstellt.

Ich wandte mich entsetzt der nächsten Leiche zu. Luke lag neben Shay.

Es hätte ausgesehen, als würde er nur friedlich schlafen, wäre da nicht die klaffende Wunde an seiner Kehle, die sein Leben auf einen Schlag beendet hatte. Bitter dachte ich noch, was für eine Ironie es doch war, dass ihn genau das Schicksal getroffen hatte, das ich Jared und Nathan gegenüber vermutet hatte.

Nathan. Er war  der Letzte in der Reihe und ich zuckte entsetzt zurück, als ich ihn sah. An seiner Stirn klaffte seitlich eine große Platzwunde, wo der Mörder ihn mit einem Stein niedergeschlagen hatte, doch das war nicht das Schlimmste. Offensichtlich hatte Nate zu diesem Zeitpunkt noch gelebt und sich gewehrt, denn die Todesursache war eine ganz andere gewesen.

Mein Blick blieb an seinem blassen Hals hängen. Schreckliche lila und blaue Würgemale entstellten die Haut, hässliche Striemen zogen sich quer über seine Kehle. Zwischen Nase und Mund erkannte ich winzige dunkelrote Blutstropfen.

Er war erwürgt worden. Während alle anderen mit geschlossenen Augen und friedlichem Gesichtausdruck dalagen, blickte mich Nate aus anklagenden, weit aufgerissenen Augen glasig an. Seine Finger waren zu Krallen gebogen, der verzogene, aufgerissene Mund bildete mit seinem Gesichtsausdruck eine entsetzte Fratze.

Ich konnte mich nicht mehr länger zurückhalten und kreischte voll hilflosem Grauen.

Jared legte mir tröstend den Arm um die Schulter, doch auch er war zu geschockt, um etwas anderes zu tun als die grausam entstellten Körper anzustarren.

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 10

 

„Wie kann jemand so etwas tun?“, flüsterte ich erstickt. „Wie ist man zu so etwas fähig?“

„Das ist eine gute Frage.“ Die kalte Stimme drang aus dem Schatten vor der Stahltür zu uns herüber.

Entsetzt fuhr ich herum.

Eine einzelne Gestalt löste sich von der Wand und trat langsam ins Licht.

Hoch gewachsen, dünn, ganz und gar in einen schwarzen Ledermantel gehüllt, der ihm bis zu den Knien reichte.

Eine schwarze Kapuze verdeckte das Gesicht.

Mir verschlug es vor Schreck die Sprache.

„Was bringt einen Menschen dazu andere zu töten?“, fuhr die Person düster fort. „Sie zu ermorden. Ihr Leben zu beenden und das anderer zu zerstören.“

„Wer bist du?“, fragte ich zitternd. Jared stand wortlos neben mir wie festgefroren.

Bitter lachte der in schwarz Gekleidete. „Ich bin niemand. Unbedeutend. Aber ich denke, ihr habt es euch verdient, eurem Mörder ins Auge zu sehen.“

Mit diesen Worten zog er die schwarze Kapuze zurück und blickte uns direkt an.

Ein Engel blickte mir entgegen. Blasse Haut, blaugraue, stechende Augen und blondes, lockiges Haar. Ein Engel mit einem grausamen Zug um den Mund und hasserfüllten Augen. Wären diese Details nicht, würde er dem kleinen Mädchen auf dem Foto zum Verwechseln ähnlich sehen.

„Jasper?“ Ungläubig starrte ich den grausamen, schönen Engel an.

„Das kann nicht sein.“

Jasper Leeds war in der High School einen Jahrgang über mir gewesen und der Schwarm vieler Mädchen. Doch letztes Jahr war seine kleine Schwester Gerüchten zu Folge bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen und Jasper hatte komplett den Boden unter den Füßen verloren. Jedenfalls hatte er die Schule kurz vor seinem Abschluss abgebrochen und ich hatte bis dahin nichts mehr von ihm gehört.

Kalt lächelte er mich an. „Hallo Skye, meine Liebe. So sieht man sich wieder.“

Jetzt mischte sich auch Jared wieder ein. „Warum willst du mich umbringen? Ich hab dich noch nie gesehen,“ fragte er spöttisch.

Feindselig erwiderte Jasper: „Oh nein, ich weiß. Du kannst mich nicht kennen.

Aber dein Bruder kennt mich sehr wohl.“

Jared spannte die Muskeln an. „Sam? Woher kennst du ihn?“, sagte er angespannt.

Jaspers bis dahin völlig glatte und abweisende Miene verwandelte sich in Sekundenschnelle zu purem Hass. „Er hat mein Leben zerstört“, brüllte er rasend vor Wut. Kleine Speicheltropfen flogen aus seinem Mund und besprenkelten den Steinboden.

Ungewollt wich ich einige Schritte vor seiner Raserei zurück.

„Jasper, das ist verrückt. Was tun wir hier? Warum hast du die anderen umgebracht?“, flüsterte ich zittrig.

Zur Beruhigung atmete er einige Male mit geschlossenen Augen tief ein und aus. Als er wieder aufblickte, drückte sein Gesicht pure Verachtung aus.

„Ach, komm schon, Skye“, meinte er spöttisch. „Du bist doch sonst immer so schlau. Jeder, der sich in diesem Raum befindet, hat mein Leben zerstört.“

Kopfschüttelnd erwiderte ich: „Das ist lächerlich. Alles, was ich je dir gegenüber getan habe, war dir auf dem Gang Hallo zu sagen und einmal habe ich dir Geld geliehen. Was soll ich getan haben?“

Ebenso schnell wie Jaspers Wut verraucht war, verschwand auch der Spott aus seinem Gesicht. In diesem Moment erinnerte mich seine Mimik sehr an den gestörten Verbrecher Joker aus der Batman- Trilogie. Die schnelle Wandlung seines Verhaltens war wirklich angsteinflößend.

„Aber Skye, du hast mir nie etwas getan. Ich mochte dich eigentlich immer sehr gern. Du warst eine angenehme Unterhaltung.“ Seine Miene wurde weich und entspannt und er lächelte mir zu.

Auch ich entspannte mich ein wenig, obwohl meine Verwirrung anstieg.

Er widersprach sich selbst, merkte er das denn gar nicht?

„Aber deine beste Freundin, diese Carly…“ Jasper schnaubte verächtlich. Unruhig wanderte er hin und her. „Kleine Schlampe. Für sie war ich nur ein Spielzeug. Eine Ablenkung vom Schulstress.“

Er fuhr so plötzlich herum, dass ich es nicht kommen sehen konnte. Sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt brüllte er mit überschnappender Stimme: „Ich hab sie wirklich geliebt. Ich hab ihr die Welt zu Füßen gelegt, ich hätte alles für sie getan. Und sie hat mich nur benutzt.“

Jared zog mich zurück, weg von Jasper, der mir wie ein grausamer Racheengel vorkam.

„So wie dein Bruder“, fuhr er, an Jared gewandt,  wieder ruhiger fort. „Auch er hat mein Leben zerstört. Dauernd hat er mich gedemütigt, mich erniedrigt, mich verspottet. Mal schauen, ob er immer noch dämlich lachen kann, wenn sein Zwillingsbruder in einem Sarg vor ihm liegt.“

Das ergab doch alles keinen Sinn. „Warum wir? Wir haben dir doch nichts getan!“, rief ich entgeistert.

Traurig schüttelte Jasper den Kopf. Mit dem Blick eines Lehrers, dessen bester Schüler ihn gewaltig enttäuscht hatte, blickte er mich an. „Verstehst du denn nicht, Skye? Wer, denkst du, ist der wichtigste Mensch in Caras Leben?“

Ich zuckte die Achseln.

Jasper verdrehte die Augen. „Nicht so bescheiden. Du bist es natürlich. Jared, dein Bruder könnte wohl kaum ohne dich leben. Versteht ihr denn gar nicht?“

Dramatisch verzweifelt warf er die Arme in die Luft.

„Ihr müsst sterben, damit sie genauso leiden wie ich, als ich den wichtigsten Menschen verloren habe, den Menschen, der mir am meisten bedeutet hat.“

Er senkte den Kopf, sein ganzer Körper schien in sich zusammenzufallen. Ich konnte gerade noch eine abgrundtiefe Trauer in seinen schönen Augen erkennen, bevor er zu Boden starrte.

Ich war entsetzt, einen dermaßen gebrochenen Menschen zu erleben.

Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. „Deine Schwester.“

Das Mädchen auf dem Foto.

„Serra.“ Voller Liebe sprach Jasper ihren Namen aus. So, als wäre er das einzige, was ihm noch blieb, das einzige, woran er Halt fand.

„Was ist mit ihr passiert?“, entfuhr es mir, bevor ich die Worte aufhalten konnte.

>Deine Neugier kostet dich irgendwann noch den Hals<, pflegte meine Mutter stets zu sagen, jetzt erfüllten sich ihre Vorhersagen mit aller Wahrscheinlichkeit.

Doch der erwartete Wutanfall blieb aus.

Stattdessen begann Jasper mit leeren Augen und emotionsloser Stimme zu erzählen: „Es gab immer nur Serra und mich, sie war der Lichtblick in meinem Leben. Unsere Eltern, sie sind Alkoholiker. Keiner hat sich außer mir um Serra gekümmert, doch das war auch nicht nötig, wir kamen klar. Doch deine Freundin, Cara, ich war eine Weile mit ihr zusammen. Wegen ihr habe ich Serra vernachlässigt, meine eigene kleine Schwester.“ Wieder schwang Hass in seiner Stimme mit, doch er berichtete weiter. „Dann hat sie mich fallen gelassen, wie ein Stück glühende Kohle. Ich habe es überstanden, mit Serra. Und dann kam dein Bruder, Jared. Er fand mein kleines Geheimnis heraus, dass ich der Sohn von hirnlosen Säufern bin, und zog mich damit auf, erniedrigte mich.

Das hat mir damals schwer zugesetzt, doch es geht weiter. Jetzt kommt unsere liebe, kleine Shay ins Spiel. Ihre Mutter, diese dreckige kleine… arbeitet beim Jugend- und Sozialamt. Irgendwie erfuhr sie von meinen Eltern und erklärte sie für unfähig uns noch weiter zu betreuen. Also sollten Serra und ich zu Pflegefamilien. Die Eltern der guten Jade wollten Serra zu sich aufnehmen, doch für mich war kein Platz mehr in ihrer kleinen, perfekten Familie.“ Er hielt inne und meinte dann erschöpft: „Sie wollten sie mir wegnehmen. Uns trennen. Ich hielt den Gedanken nicht aus und beschloss, Serra da rauszuholen. Ich nahm sie mit und floh mit ihr. Doch wir hatten wenig Geld und Serra hielt das Leben so nicht aus, sie wollte zurück. Ich erklärte ihr, warum das nicht ging, da riss sie sich los und rannte weg. Geradewegs in ein Auto hinein. Sie war sofort tot. Und ratet, wer das Auto gefahren hat. Nathans ältere Schwester, Cleo.“

Geschockt sog ich tief den Atem ein.

„Was ist mit Luke?“, fragte Jared. „Warum musste er sterben?“

Jasper winkte ab. „Er war früher mein bester Freund. Dann hat er mich hängenlassen. Trotzdem hat er zugestimmt, als ich ihn in meinen Plan eingeweiht habe. Aber er hat mich verraten, deshalb musste auch er sterben.“

„Luke hat dir geholfen?“, rief ich entsetzt aus. „Das heißt, er hat Jade umgebracht?“

Jasper nickte ruhig. „Jap, genau wie Shay. Er hat sie überredet zu bleiben und nicht weiterzugehen. Sie war leichte Beute. Aber er war nur eine Schachfigur in einem Spiel, das zu groß für ihn war. Der eigentliche Drahtzieher bin ich.“

„Warum?“

Meine schlichte Frage schien Jasper ziemlich aus der Fassung zu bringen.

„Aber verstehst du denn nicht? Für Serra, ich muss ihren Tod doch rächen.“

Also doch, wir hatten es mit einem grausamen Racheengel zu tun, der offensichtlich seit dem Tod seiner Schwester nicht mehr ganz richtig im Kopf war. Vielleicht wollte er auch nur seine Schuldgefühle verdrängen, indem er uns für alles, was passiert war, verantwortlich machte.

„Das hätte Serra nie gewollt“, meinte ich voller Überzeugung.

„Genug!“ Plötzlich war Jaspers Stimme wieder hart und gefühllos.

„Genug geredet.“

„Lass uns gehen“, sagte Jared drohend.

Jasper lachte gackernd auf. „Niemals. Diese Tür (er wies auf die Stahltür) ist abgeschlossen. Mit Gewalt bekommt ihr sie nicht auf und sie ist der einzige Ausgang aus meinem Spiel. Und ich habe den Schlüssel.“ Langsam zog er einen runden Schlüsselbund mit einem einzigen großen, silbernen Schlüssel hervor.

„Dann holen wir ihn uns eben“, knurrte Jared und wollte sich auf ihn stürzen. Doch da beförderte Jasper aus den Tiefen seines Ledermantels plötzlich ein riesiges, silbrig glänzendes Steakmesser mit schwarzem Griff zu Tage.

„Das würde ich an deiner Stelle lieber lassen“, grinste er höhnisch. „Frag Luke, er hat auch schon Kontakt zu der Klinge gehabt.“

Tatsächlich erkannte ich an der Klinge einen dunkelroten, getrockneten Rand. Ich musste an Lukes aufgeschnittene Kehle denken und würgte.

„Nicht“, sagte ich leise zu Jared und zog ihn zurück. „Er bringt dich sonst um.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 11

 

So standen wir also da, einem verrückten Racheengel gegenüber, der ein eindeutig reales Steakmesser auf uns richtete und uns nebenbei auch noch töten wollte.
Was tut man in solch einer aussichtslosen Situation? Aufgeben?

Noch hatten wir nicht ganz aufgegeben, doch Jasper kam langsam auf uns zu, das Messer in der einen Hand hoch erhoben, in der anderen den Schlüsselbund, der unsere einzige Rettung darstellte.

Ich wich zurück gegen die Wand.

Plötzlich rumpelte es leise über uns in der Decke.

Sofort hielt Jasper inne und blickte argwöhnisch nach oben.

„Was war das?“, fragte ich.

Jared musterte unseren Gegenüber feindselig. „Gehört das auch zu deinem kranken Spiel?“

„Halt’s Maul“, fauchte Jasper, doch der hochmütige, arrogante Ausdruck war aus seinem Gesicht gewichen.

Wieder erklang dieses Dröhnen.

Jared nutzte den Moment, als Jasper nach oben blickte, um sich auf ihn zu stürzen.

Dieser fuhr herum, aber zu spät.

Jared stieß ihn mit dem Kopf gegen die Wand und riss ihm den Schlüsselbund aus der Hand. Das Messer hielt Jasper dabei allerdings fest umklammert und fuchtelte damit herum, sodass Jared zurückweichen musste.

Immerhin hatten wir jetzt den Schlüssel.

Während Jasper noch benommen am Boden lag, drängten wir uns hastig an ihm vorbei und standen jetzt direkt vor der abgeschlossenen Tür.

Doch da richtete sich Jasper wieder auf.

Höhnisch lachte er. „Und jetzt? Was denkt ihr, wer ist wohl schneller? Der Schlüssel, der euren Ausweg öffnet oder mein Messer, das eurem Leben ein Ende setzt?“

Verzweifelt drückte ich mich mit dem Rücken gegen die Wand.

Jasper kam langsam näher.

Da stürzte die Decke zum zweiten Mal ein, seit wir hier unten waren.

Nur jetzt begrub sie einen überraschten Mörder unter sich.

Felsbrocken und Erde prasselten mit lauten Schlägen auf seinen Kopf ein- innerhalb von kürzester Zeit war er unter dem anwachsenden Geröllhaufen nicht mehr zu sehen.

„Schnell, weg!“, keuchte Jared, während ich noch entsetzt mit ansah, wie sowohl Jasper als auch die Körper derer, die er umgebracht hatte, und der Schrein unter Steinlawinen begraben wurden. Doch die Decke stürzte weiter ein und mir wurde klar; wenn wir hier nicht schleunigstraus kamen, wären wir die nächsten, die dran glauben mussten.

In diesem Moment sprang die Tür mit einem deutlichen Klicken auf. Jared ließ den Schlüssel im Schloss stecken und zerrte mich am Arm hinter sich her, weg von dem steinernen Grab von drei Menschen, die in den letzten Stunden zu meinen Freunden geworden waren, plus einem Verräter und einem Mörder.

Trotz meines geschwollenen Knöchels rannte ich, so schnell ich konnte, neben Jared her.

Keuchend hielten wir schließlich an. Die Decke schien nun nicht mehr einsturzgefährdet.

„Lass uns endlich hier rauskommen“, seufzte Jared. Er wirkte angespannt und fertig, genau wie ich mich jetzt fühlte.

Ich nickte müde.

Wir gingen weiter, dem Ausgang entgegen. Ich stützte mich auf Jared.

Den ganzen Weg sprachen wir kein Wort, denn es gab einfach keine Worte, die erfassen konnten, was wir erlebt hatten.

Jeder brütete in seinen eigenen Gedanken.

Da erblickte ich einen schwachen Lichtschimmer, der nur von der Sonne kommen konnte, die inzwischen aufgegangen war.

„Es ist aus“, flüsterte ich erleichtert. „Wir haben es tatsächlich geschafft und leben noch.“ Ich lächelte voller Erleichterung.

Auch Jareds Mundwinkel zogen sich nach oben.

Doch dann schüttelte er leicht den Kopf und meinte: „Ich werde nie vergessen, was passiert ist. Es hat sich irgendwie für immer eingebrannt.“

„Ich auch nicht.“ Dann fiel mir etwas ein. „Wir müssen den Familien von Nate, Shay und Jade davon berichten. Und vermutlich auch denen von Luke und Jasper. Sie werden es alle wissen wollen.“

„Sie werden davon erfahren“, meinte Jared angespannt. „Aber lass uns jetzt erst mal schauen, dass wir hier rauskommen. Von dunklen, muffigen Höhlen hab ich erst einmal genug.“

Die Sonne schien mir hell und wunderbar ins Gesicht, als wir näher an den Ausgang traten und ich schloss die Augen.

Trotz der schrecklichen Dinge, die ich erlebt hatte und all der Angst, die nun ausgestanden war, fühlte ich mich innerlich auf einmal warm und sicher.

Da nahm Jared meine Hand und zusammen traten wir hinaus ins Tageslicht.

 

Es war vorbei.

 

 

 

 

 

 

Epilog

 

Der Engel liegt begraben unter einem Haufen Steine.

Schmerzen fressen sich durch seinen verschütteten Körper.

Er weiß, er wird sterben.

>Es tut mir so Leid, Serra<, flüstert er mit brechender Stimme.

>Ich habe versagt<.

Seine Schwester hatte er nicht retten können und nun hatte er sie noch nicht einmal rächen können.

 

Er denkt an ihr strahlendes Lächeln, ihre fröhlichen Augen und die Glückseligkeit, die ihn immer umfing, wenn er bei ihr war.

>Ob wir uns nun wiedersehen werden?<, fragt er leise.

>Nein, ich denke nicht. Du warst der beste Mensch auf Erden, doch ich, ich habe getötet. Niemals werden wir uns wieder begegnen, denn der Ort, an den ich kommen werde, ist zu finster für dich, mein Engel.

Du wist immer zum Licht gehören.>

 

Kurz überlegt er, ob er sich schuldig fühlen soll  für den Mord an vier Jugendlichen, doch dann schiebt er den Gedanken zur Seite.

>Ich habe das alles nur für dich getan, Serra.< krächzt er, bevor er für immer verstummen muss.

Die scharfen Wellen des Schmerzes werden stärker, die Abstände dazwischen kürzer.

Bald ist es so weit.

Er versucht das Messer zu finden, das er verloren hatte, als die Steinmassen auf in niederstürzten, doch er kann es nicht finden.

Den zerreißenden Schmerz, er erträgt ihn nicht mehr.

Habe ich ihn verdient?, denkt er.

 

Dann spürt er, wie sein hämmerndes Herz langsamer schlägt. Lauscht dem leisen Pochen, das immer langsamer wird.

Sein Körper hat aufgehört gegen die Verletzungen anzukämpfen, akzeptiert, dass er diesen Kampf verloren hat.

Auch der gescheiterte Racheengel akzeptiert seinen Tod.

Sein Kopf sinkt auf einen Stein.

Das angeschlagene Herz schlägt ein letztes Mal, dann beendet es seine Arbeit für immer.

 

Der Engel schließt die Augen und stirbt.

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H.P.s eigener Blog

Gedichte und andere Texte von H. P. findet ihr unter

x-kaleidoskop-x.tumblr.com

 

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Ermita

Ermita von Tobias Schultz

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Verkannte Freiheit

Er war kurz davor, das Portal zu durchschreiten.
Düster, alles ins Schwarze hauchend, drückte die Nacht auf das Gebäude. Spärlich nur war der Hof erleuchtet. Voran und voran schritt er. Aus dem Gebäude heraus strahlte es. Nicht stark, aber beständig. Der Weg schien immer länger zu werden. Er begann zu hasten. So nah, doch so fern. Hart brach sich das Licht in der gewölbten Glasfassade. So stark, so mächtig, so geheimnisvoll wirkte das Gebäude. Gebäude? Nein nicht Gebäude, Körper musste man sagen.
Zweifel im Blick. Unnachgiebig und unübersehbar. Wieso war er so nah gewesen? Wieso? Und wieso war er es nun nicht mehr? Erkenntnis, keine Erkenntnis. Seine anfängliche Sicherheit wich rapide. Immer tiefer rückte die Sonne von der Erde ab, immer weniger Erleuchtung spendete sie. Und er – verloren in der unendlichen Weite. War er zu spät? War er zu langsam? Bestimmt war er zu langsam.
Immer war er sich sicher gewesen, dass er es schaffen kann. Nein. Dass er es schafft. Selbstzweifel. Fremd. Entschleunigt ließ sein Tempo nach. Das Gebäude begann zu schwimmen. Sich langsam zu verflüssigen und seine Konturen in einem verstörenden Maße aufzulösen. Das Licht aus dem Inneren erblasste und begann zunehmend in der grau-schwarzen Einöde aufzugehen. Nie würde er es erfahren, wenn er es jetzt nicht schaffte. Die noch niemals von einem Menschen betretenen Stufen im Inneren zu erklimmen. Immer darauf gedrungen, es für selbstverständlich erachtet hatte er es. Und jetzt: Klein und unbedeutend, abgestraft von dem Körper, der ihm den Zutritt verwehren wollte.
Noch einmal bäumte er sich auf. Nahm die Beine in die Hand, durchstieß mit seinen energiegeladenen Schritten nahezu den starren Boden. Näher und näher kam es nun doch, fast davor, fast davor war er. Nur noch Winzigkeiten trennten ihn. Es schaffen, bevor es für immer entgleitet. Bevor es sich ins Nirwana auflöst. Was trieb ihn an? Die hehren Ziele, die er vorgab?
Aufprall. Auf einer entgleitenden Masse. Er reißt am Portal. Es wirft ihn zu Boden. Und verschwindet in der ewigen Leere, zusammen mit den Geheimnissen dahinter. Für immer.
Seine Sonne war untergegangen.
Alles wollte er haben, alles hatte er verloren.

N. Z.

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Traurigstes Glück

Ein Schneesturm regte sich vor dem prunkvollen Fenster. Bäume wiegten sich, gar bogen sich, unter der Last des Unwetters. Alles weiß, die Kälte war schon durch das Sehen merklich zu spüren. Niemand würde bei diesem Wetter die Außenwelt betreten wollen. Das Eis auf dem See warf das gleißende Licht mitten durch den Sturm. Die Atmosphäre wirkte zugleich bedrohlich und faszinierend. Das Spiel der Flocken im Wind, gleichzeitig ein Kampf um Leben und Tod. Unkontrollierbar und unberührt schafft und zerstört die Natur – innerhalb nur weniger Sekunden. Was darf Leben, was hat kein Recht dazu?

Dicke Mauern schützten vor diesem Unbehagen. Leo drehte sich erneut im Bett um. Durch die Fußbodenheizung strahlte die Wärme vom Boden aus wohlig durch den Raum. Er genoss den Komfort grenzenlos.
Denn er war gewissermaßen privilegiert. Es spielte keine Rolle, was er wollte. Denn er bekam es in jedem Fall. Seine Eltern waren sündhaft reich. Und er bildete sich natürlich etwas darauf ein. Nur das Beste für den Zögling, das war das Motto seiner Eltern. Selbst kümmerten sie sich aber nicht so wirklich um ihn, schließlich mussten sie sich um die Geschäfte kümmern. Außerdem kann man heutzutage fast alles kaufen. Auch Personen, die sich um den Sohn kümmern, so dass er möglichst gut gerät und dabei einen so wenig wie möglich belästigt.

So kam täglich sein Privatlehrer, der ihn in allem unterrichtete. Zugegebenermaßen war dieser ein sehr intelligenter Mensch. Jedoch schaute er Leo immer etwas mitleidig an. Dies konnte er nicht verstehen. Er hatte doch alles. Eigentlich müsste der Lehrer ihn beneiden. Eigentlich müsste er versuchen etwas vom großen Glanz der Familie abzubekommen. Aber dieser zeigte auch daran kein Interesse. Leo konnte das nicht verstehen.

Schließlich ließ er sich das Frühstück reichen. Genüsslich verleibte er sich das Marmeladenbrot ein und forderte eine zweite Tasse Kaffee. Er fühlt sich jedes Mal stark, wenn er alles befehlen konnte, was er wollte.
Seine größten Ärgernisse waren die Langsamkeit der Angestellten, die manchmal unzumutbare fünf Minuten benötigten, um seine Wünsche zu erfüllen, und der Umstand, dass ihm seiner Meinung nach nicht genug Ehrerbietung seitens des Personals entgegengebracht wurde. Diese brachten manchmal in ihrer Torheit ihre Missgunst dezent zum Ausdruck. Natürlich meldete Leo solche Ereignisse mit sofortiger Wirkung seinen Eltern, so dass die Übeltäter bestraft werden konnten.

Jedem normalen Menschen wäre sofort aufgefallen, dass Leo ja gar keine Freunde hatte. Im engeren Sinne hatte er nicht einmal Bekannte. Wenn man natürlich nur in einem hermetisch abgeriegelten Bereich verkehrt, ist offensichtlich, dass die Quote an Neubegegnungen sich in einem relativ niedrigen Bereich bewegt.
Er aber schenkte dem keine Beachtung. Wie sollte man auch etwas vermissen, das man in seinem ganzen Leben noch nie hatte?
Manchmal beobachtete er mit dem Fernglas, wie hinter dem See am Grundstückszaun Personen vorbeiliefen. Sofort erweckten sie sein Misstrauen. Einmal hatte ein Kind einen Drachen steigen lassen. Bis heute war er sich sicher, dass an diesem eine Kamera angebracht sein musste. Wozu sollte man solche Aktionen denn sonst durchführen, wenn man nicht ihn ausspionieren wollte.

Bald war der Morgen vorbei, pünktlich stand sein Lehrer vor der Tür. Leo interessierte es in keinster Weise, was er ihm heute erzählen wollte. Sein Gegenüber begann ein wenig mit Mathe, als er jedoch bemerkte, dass dies wohl keinen Sinn hatte, ging er zu Philosophie über. Leben, nicht leben, Rolle des Menschen, Maximen seines Handelns, sein Einfluss auf die Welt… Leo begann unvermittelt während seines Nickerchens zu schnarchen. Dann verschluckte er sich und wachte auf.
Er sah seinen Lehrer, ihn mit starren Gesichtszügen anstarrend. Dieser wollte seine Gedanken wohl weiterführen.
„Was wäre, wenn du tot wärst?“, stellte er in den Raum und trieb Leo damit die Verwunderung in die Augen.
Darauf packte der Lehrer die Tasche und verließ das Haus.

Die Verwunderung war bei Leo mittlerweile in blankes Entsetzen umgeschlagen. Mit solch einer Reaktion auf sein missachtendes Verhalten hatte er nicht gerechnet.
Schon wollte er beginnen, sich über das gar entsetzliche Verhalten seines Lehrers zu echauffieren, da schoss ihm die Frage doch wieder durch den Kopf. Er versuchte sie zu verdrängen, sie an den Rand zu schieben und über diesen hinaus in einen tiefen Abgrund.

Moment. Wer saß denn in diesem Abgrund? Ganz da unten. Diese Person kam Leo verdächtig bekannt vor. Der Moment, in dem er sich selbst erkannte, schnitt in ihn wie ein Fleischermesser.
Denn: Wen würde es interessieren, wenn er tot wäre? Wer würde das beklagen?
Seine Eltern zeigten ein mehr als bescheidenes Interesse an ihm, diese würden höchstens sich selbst bemitleiden, weil sie keinen Nachfolger mehr hatten.
Darüber hinaus hassten die Bediensteten des Hauses ihn auf eine bestialische Weise, dass es ein Wunder war, dass der Gärtner noch nicht zur Axt gegriffen hatte. Was er sich aber auch selbst zuzuschreiben hatte. Sein Umgang hatte wenig mit der Empathie zu tun, die ihm sein Lehrer unablässig predigte.
Und darüber hinaus? Um ehrlich zu sein, existierte dieses „Darüber hinaus“ nicht einmal. Es kannte ihn niemand. Wahrscheinlich war er einer der unbekanntesten Menschen im Land. Seine Todesanzeige wäre wie die eines völlig namenlosen.
Seine Einsamkeit in diesem Moment war nicht mehr zu steigern. Er dachte, dass er immer alles hatte.
In Wahrheit hatte er einfach gar nichts. Keine Bindung, zu keiner einzigen Person. Niemand der ihn wertschätzte, niemand der ihn wahrhaft anerkannte.

Was nutzt Geld, wenn man selbst ein soziales Wrack ist?
Draußen war die Welt gefährlich. Aber es lauerten auch viele positive Überraschungen. All dies war ihm verwehrt. Versperrt der Weg, blockiert durch Mahagonitüren mit Elfenbeinknäufen. Seine Eltern wollten ihm alles geben und haben ihm alles genommen. Die Chancen in der wirklichen Welt waren ihm verbaut. Nie hatte er sein eigenes Glück in die Hand nehmen können.
Pure Verzweiflung machte sich in ihm breit.

Er öffnete das Fenster und blickte weit nach unten in den Schnee. Der straffe Wind blies ihm direkt ins Gesicht.
„Sie haben mir alles genommen. Jetzt werde ich ihnen alles nehmen.“

N. Z.

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Zusammen

Ob Land, ob Stadt, zusammenballet sich,
Was stark, was schwach, was groß und kleiner ist,
Nicht dies der große Zwiste isst und frisst,
Weil gegenseit’ge Stütz nie wank’, nie brich’.

Doch fremde Macht’s Versuch der Trennungen,
Heb’n stark geg’n Kraft der Unerschütt’rlichen,
Soll sein die Ausgeburt des Teuflischen,
Kein’ Aufhalten, kein’ Chance auf Änd’rungen.

Der Kampf der Einzlen’ ist verloren gar,
Wenn sie dem Feind die Stirn nicht bieten dar.
Doch allvereint wächst ihre Krafte stark.

Selbst wenn der Kampfe scheint so hart zu sein,
Nicht stopp’n soll sie der dunkle, graue Schein.
Zusamm’n sie bring die Unfreiheit in’ Sarg.

N. Z.

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